Hornisgrinde-Wolf: Warum „Laufen für Grindi“ mehr sein kann als ein Symbol

Während der Entnahmephase des Hornisgrinde-Wolfs wurde „Laufen für Grindi“ zu einem sichtbaren Zeichen für seinen Schutz. Aber was kann das Wandern tatsächlich bewirken? Rückblickend lässt sich nicht belegen, dass menschliche Präsenz Grindi vor der Entnahme bewahrt hat. Wer jedoch regelmäßig, legal und verantwortungsvoll auf denselben Wegen unterwegs ist, lernt das Gebiet kennen. Aus Wanderungen entstehen Beobachtungen – und ebenso wichtig: Nullbeobachtungen.

Während der Entnahmephase bei Grindi, dem Hornisgrinde-Wolf GW2672m, entstand die Aktion „Laufen für Grindi“. Menschen gingen hinaus und wanderten in dem großen Gebiet, in dem sich der Wolf bewegte.

Doch was bewirkte das?

War es vor allem symbolisch? Sollte menschliche Anwesenheit eine mögliche Entnahme erschweren? Oder bestand die Hoffnung, Grindi durch zusätzliche Präsenz aus bestimmten Bereichen herauszuhalten?

Rückblickend sollten wir vorsichtig damit sein, dem Wandern eine Wirkung zuzuschreiben, die sich nicht nachweisen lässt.

Kontrovers war insbesondere das Wandern bei Nacht. Dahinter stand unter anderem die Vorstellung, dass zusätzliche menschliche Präsenz eine Entnahme unter schlechten Lichtverhältnissen erschweren könnte.

Ich bin heute nicht davon überzeugt, dass dies einen entscheidenden Unterschied gemacht hat.

Denn unabhängig von technischer Ausrüstung besteht im Schwarzwald ein grundlegendes Problem: Ein einzelner, mobiler Wolf muss zunächst gefunden und eindeutig erkannt werden. Wald, Gelände und dichter Bewuchs begrenzen zusätzlich die Sicht.

Wir können deshalb nicht einfach sagen: Die Wanderer haben Grindi gerettet.

Mindestens ebenso plausibel ist, dass es schlicht schwierig war, diesen Wolf in einem großen und unübersichtlichen Gebiet zu finden und lange genug frei zu sehen.

Vielleicht hat der Schwarzwald Grindi stärker geschützt als die Menschen, die für ihn unterwegs waren.

Vom „Laufen für Grindi“ zur Beobachtung

Trotzdem halte ich das Wandern für ein starkes Symbol. Während der Entnahmephase gab es vielen Menschen die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden und nicht nur Zuschauer zu sein.

Für mich hatte es noch eine zweite Wirkung.

Als die Entnahmephase begann, kannte ich das Gebiet kaum. Seine Größe wirkte zunächst überwältigend. Als Vogelbeobachter kenne ich jedoch ein einfaches Prinzip: Mehr Strecke bedeutet nicht automatisch mehr Beobachtung.

Wer immer wieder dieselben Wege läuft, beginnt Dinge wahrzunehmen, die beim ersten Besuch unsichtbar bleiben.

Seit der Entnahmephase bin ich deshalb gemeinsam mit anderen regelmäßig im Nationalpark und in den angrenzenden Gebieten unterwegs – nicht, um Grindi zu suchen, sondern um die Landschaft besser zu verstehen.

Gelände, Bewuchs, Steigungen, offene Flächen, Übergänge und Sichtachsen beeinflussen die Bewegungsmöglichkeiten von Menschen und Wildtieren.

Je länger man dasselbe Gebiet beobachtet, desto weniger erscheint der Wald als eine einzige große Fläche. Man erkennt Übergänge, offene und geschlossene Bereiche, steile Hänge, Wege, Lichtungen und unterschiedliche Sichtachsen.

Genau darin liegt für mich heute ein wesentlicher Wert des Wanderns im Gebiet des Hornisgrinde-Wolfs.

Hornisgrinde-Wolf: „Geht raus, geht wandern, geht spazieren“

Wolfsschutz Deutschland veröffentlichte am 23. September 2026 folgenden Aufruf:

„Geht raus, geht wandern, geht spazieren.

Nutzt euer gutes Recht, euch in der Natur und in Grindis Revier zu bewegen. Je mehr Menschen dort friedlich, aber aufmerksam unterwegs sind, desto schwieriger wird es für heimliche Aktionen.

Seid die Augen und Ohren für den echten Schutz von Grindi.

Packt die Wanderschuhe ein, geht auf die Wege und zeigt durch Eure reine Präsenz, dass Grindi nicht allein ist. Lasst Euch nicht instrumentalisieren, lasst Euch Eure Wanderrouten nicht zuteilen und lasst Euch nicht unter Gruppendruck setzen.“

— Wolfsschutz Deutschland e. V., 23. September 2026

Der Grundgedanke ist wichtig: Menschen können sich auf geöffneten Wegen bewegen, beobachten und dokumentieren. Einige Punkte würde ich jedoch ergänzen.

Grindis Revier bedeutet nicht, Grindi zu suchen

Wir können Wege benutzen, die durch Gebiete führen, in denen wir Grindi vermuten. Daraus sollte aber keine gezielte Wolfssuche entstehen.

Wir bleiben auf geöffneten Wegen und respektieren Sperrungen und Schutzbereiche.

Kommt es tatsächlich zu einer Begegnung, sollte unser Verhalten nicht darauf ausgerichtet sein, den Kontakt für Beobachtungen oder Fotos möglichst lange zu verlängern.

Wandern ja – aber am Tag

Bei Grindi-Wolf konzentrieren wir unsere Beobachtungen bewusst auf den Tag.

Wir brauchen keine Nachtwanderungen.

Dämmerung und Nacht sind für viele Wildtiere sensible Zeiten. Im Nationalpark geht es nicht nur um den Wolf, sondern um ein gesamtes Ökosystem.

Wolfsschutz sollte deshalb immer auch Naturschutz sein.

Freie Routenwahl – aber systematisch beobachten

Natürlich kann jeder selbst entscheiden, welchen geöffneten Weg er benutzt.

Bei Grindi-Wolf beschäftigen wir uns trotzdem damit, welche Routen für wiederholte Beobachtungen besonders interessant sind.

Eine Beobachtungsroute ist keine Route zum Wolf.

Niemand kann versprechen, dass Grindi dort auftaucht. Darum geht es auch nicht.

Der Wert liegt darin, dieselben Strecken wiederholt zu begehen. Je vertrauter wir mit einer Route werden, desto besser erkennen wir ihren Normalzustand – und damit auch Veränderungen.

Auch keine Sichtung ist eine Beobachtung

Eine Wanderung ohne Wolf ist kein Fehlschlag.

Wenn eine Strecke vier Stunden lang begangen wurde und Grindi nicht gesehen wurde, beweist das nicht, dass er sich nicht irgendwo in diesem Gebiet befand.

Es dokumentiert lediglich:

Vier Stunden auf dieser Route, unter diesen Bedingungen, ohne Begegnung mit dem Wolf.

Deshalb dokumentieren wir bei Grindi-Wolf nicht nur Sichtungen, sondern auch Nullbeobachtungen.

Beobachten, dokumentieren, verstehen

Nach unserem derzeitigen Kenntnisstand hat die angekündigte Vergrämung noch nicht begonnen. Solange wir keine belastbare Bestätigung haben, formulieren wir das auch genau so: als unseren derzeitigen Kenntnisstand.

Unabhängig davon können wir die geöffneten Wege nutzen. Wir können beobachten und dokumentieren.

Je vertrauter wir mit diesen Wegen werden, desto mehr nehmen wir wahr: Gelände, Bewuchs, Sichtverhältnisse, menschliche Nutzung und Veränderungen im Laufe der Zeit.

Aus Bewegung entsteht Ortskenntnis. Aus wiederholter Ortskenntnis entstehen vergleichbare Beobachtungen.Hornisgrinde-Wolf am 22.09.2026: Beobachtungsrunde Hundseck – Mehliskopf – Ochsenkopf – Pfriemarkkopf

Und genau darin kann „Laufen für Grindi“ heute einen neuen Sinn bekommen: nicht den Wolf zu suchen oder zu stören, sondern seinen Lebensraum besser zu verstehen und das, was wir tatsächlich beobachten, sauber zu dokumentieren.

Wer einen Weg einmal geht, sieht einen Wald. Wer ihn immer wieder geht, beginnt die Landschaft zu verstehen.

Hornisgrinde-Wolf Grindi am 23.09.2026: Aktueller Stand, Vergrämung und was wir jetzt tun können

Hornisgrinde-Wolf am 22.09.2026: Beobachtungsrunde Hundseck – Mehliskopf – Ochsenkopf – Pfriemarkkopf

Hornisgrinde-Wolf: Wo könnte die Vergrämung im Nationalpark Schwarzwald stattfinden?

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