Grindi, Yellowstone und die Frage des zukünftigen Risikos
Beim Hornisgrinde-Wolf Grindi (GW2672m) wird ein zukünftiges Risiko mit wiederholten Annäherungen an Menschen begründet. Ein Vergleich mit dem Yellowstone-Nationalpark zeigt jedoch, dass Habituierung allein dort nicht automatisch zur Entnahme führt. Seit der Wiederansiedlung 1995 dokumentierte der National Park Service 55 habituierte Wölfe; nur zwei wurden deshalb getötet. Bei beiden spielten wahrscheinliche Futterkonditionierung, weitergehendes problematisches Verhalten und erfolglose Vergrämung eine Rolle. Entscheidend ist deshalb die Frage, welches konkrete Verhalten von GW2672m eine zukünftige Gefahr erwarten lässt und anhand welcher Kriterien die geplante Vergrämung als erfolgreich oder gescheitert bewertet wird.
Grindi und Yellowstone: Wann wird Habituierung zum Risiko?
Beim Hornisgrinde-Wolf GW2672m geht es inzwischen um eine zentrale Frage: Wann wird aus ungewöhnlichem Verhalten ein so konkretes zukünftiges Risiko, dass eine Entnahme gerechtfertigt werden kann?
Ein Vergleich mit Yellowstone kann diese Frage nicht rechtlich beantworten. Yellowstone und der Nordschwarzwald unterscheiden sich erheblich. Der Nationalpark verfügt aber über jahrzehntelange Erfahrung mit Wölfen, die regelmäßig Menschen, Straßen und stark frequentierten Bereichen begegnen.
Interessant ist deshalb nicht, ob Yellowstone „wie der Schwarzwald“ ist, sondern:
Welche Verhaltensweisen führten dort zur Vergrämung – und wann schließlich zur Entnahme?
Yellowstone: viele habituierte Wölfe, zwei Entnahmen
Der National Park Service dokumentiert seit der Wiederansiedlung der Wölfe 1995 127 Habituierungsereignisse mit 55 Wölfen. 38 Tiere wurden insgesamt 76-mal aversiv konditioniert.
Nur zwei Wölfe wurden wegen Habituierung entnommen.
Das ist entscheidend: Habituierung führte in Yellowstone nicht automatisch zur Entnahme.
Bei den beiden getöteten Wölfen ging das Verhalten deutlich weiter.
Der National Park Service berichtet, dass beide wahrscheinlich von Menschen gefüttert worden waren. Einer verfolgte einen Fahrrad- und einen Motorradfahrer. Der andere näherte sich mehreren Menschen, untersuchte Gegenstände in deren Händen offenbar auf Nahrung und zerriss in einem weiteren Fall einen Rucksack auf der Suche nach Futter.
Die aversive Konditionierung führte bei diesen beiden Tieren nicht zum Erfolg.
Die beiden konkreten Fälle wurden 2009 und 2011 auch zeitnah dokumentiert:
Yellowstone National Park Rangers Kill Habituated Wolf – 2009
Wolf Looking for Human Handouts Euthanized – 2011
Damit ergibt sich für diese beiden Yellowstone-Wölfe eine nachvollziehbare Entwicklung:
Habituierung → aktive Annäherungen bzw. problematisches Verhalten → wahrscheinliche Futterkonditionierung → Vergrämung → Verhalten bleibt bestehen → Entnahme.
Vergrämung funktioniert in Yellowstone häufig
Auch dieser Punkt ist wichtig.
Von 76 dokumentierten Vergrämungsmaßnahmen veränderten nach Angaben des National Park Service 49 Prozent unmittelbar das Verhalten des Wolfes. Weitere 42 Prozent wurden als wahrscheinlich erfolgreich bewertet.
Yellowstone behandelt Habituierung deshalb zunächst als Managementproblem, nicht automatisch als Entnahmegrund.
Die heutige Regel ist entsprechend klar: Die Vergrämung wird stufenweise intensiviert. Als erfolgreich gilt sie, wenn der Wolf innerhalb eines Jahres kein habituiertes Verhalten mehr zeigt. Erst wenn die Maßnahmen scheitern und der Wolf als mögliche Gefahr für Menschen eingeschätzt wird, kann er entfernt werden.
Der National Park Service bestätigt auch heute: Seit 1995 wurden nur zwei Wölfe aufgrund von Habituierung entfernt; beide waren wahrscheinlich von Menschen gefüttert worden.
Was wissen wir über Grindi?
Auch GW2672m nähert sich Menschen wiederholt auf geringe Distanz.
Das Umweltministerium dokumentiert Annäherungen unter 30 Metern und teilweise bis auf wenige Meter. Diese Begegnungen fanden überwiegend mit Menschen statt, die Hunde mitführten. Das Ministerium bringt dieses Verhalten insbesondere während der Ranzzeit mit Grindis Suche nach einer Paarungspartnerin in Verbindung.
Die FVA formulierte im Januar 2026 bemerkenswert differenziert:
Die Begegnungen seien teilweise „kritisch, aber bisher nicht als gefährlich eingestuft“ worden. Die FVA geht davon aus, dass GW2672m die Nähe von Menschen toleriert, während er Kontakt zu Artgenossen – also Hunden – sucht.
Damit besteht eine Gemeinsamkeit mit Yellowstone: wiederholte geringe Distanz zu Menschen.
Aber in den bislang öffentlich zugänglichen Informationen finden wir bei Grindi mehrere Elemente der beiden Yellowstone-Entnahmen nicht:
- keine dokumentierte Futterkonditionierung,
- kein dokumentiertes Verfolgen von Fahrrad- oder Motorradfahrern,
- keinen dokumentierten Angriff auf Menschen,
- und bislang keine vergleichbar dokumentierte Eskalationskette nach einer systematischen Vergrämung.
Das bedeutet nicht, dass Grindis Verhalten ungefährlich bleiben wird.
Es bedeutet lediglich: Die öffentlich dokumentierten Verhaltensprofile sind bislang nicht identisch.
Das eigentliche Argument: zukünftiges Risiko
Hier liegt der Kern der Auseinandersetzung.
Eine Behörde muss nicht warten, bis ein Mensch verletzt wird. Risikomanagement muss auch zukünftige Entwicklungen berücksichtigen.
Genau so argumentiert Baden-Württemberg. Das Umweltministerium bezeichnet Grindis Verhalten als kritisch, weil sich daraus „perspektivisch auch gefährliche Situationen entwickeln können“.
Das ist ein prospektives Risiko.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
Hat Grindi bereits jemanden angegriffen?
Sondern:
Welche heute beobachtbaren Verhaltensweisen erlauben eine belastbare Prognose darüber, wie wahrscheinlich eine zukünftige gefährliche Entwicklung ist?
Dabei muss auch die Ursache des Verhaltens berücksichtigt werden.
Ein Wolf, der Menschen gezielt mit Nahrung verbindet und trotz wiederholter Vergrämung weiterhin aktiv ihre Nähe sucht, stellt eine andere Risikokonstellation dar als ein Wolf, dessen Annäherungen nach Einschätzung der zuständigen Fachbehörde wesentlich mit seinem Interesse an Hunden verbunden sind.
Beides kann Intervention erforderlich machen.
Aber es ist nicht dasselbe Verhalten – und deshalb nicht automatisch dasselbe Risiko.
Deshalb wird die neue Vergrämung entscheidend
Interessanterweise hat Baden-Württemberg nach Ablauf der Abschussgenehmigung im März selbst angekündigt, die gewonnenen Erkenntnisse zu nutzen, um angepasste Vergrämungskonzepte außerhalb der Ranzzeit zu entwickeln.
Damit rückt dieselbe Frage in den Mittelpunkt, die auch Yellowstone systematisch untersucht:
Verändert eine gezielte negative Konditionierung das Verhalten dieses individuellen Wolfes?
Genau deshalb müssen Ziel und Ergebnis der Vergrämung nachvollziehbar sein.
Was soll sich konkret verändern?
Welche Reaktion gilt als Erfolg?
Wie oft wird vergrämt?
Wie reagiert GW2672m unmittelbar und bei späteren Begegnungen?
Und vor allem:
Nach welchen vorher festgelegten Kriterien wird festgestellt, dass die Vergrämung erfolgreich war oder gescheitert ist?
Was Yellowstone tatsächlich zeigt
Yellowstone beweist weder, dass Grindi ungefährlich ist, noch dass eine spätere Entnahme ungerechtfertigt wäre.
Es zeigt aber, dass Habituierung kein binärer Zustand ist.
55 Wölfe zeigten dort habituiertes Verhalten. Viele wurden vergrämt. Nur zwei wurden deswegen getötet. Bei beiden kamen Futterkonditionierung, weitergehendes problematisches Verhalten und erfolglose Vergrämung zusammen.
Damit führt der Vergleich zu einer präziseren Frage für den Nordschwarzwald:
Welches konkrete Verhalten von GW2672m begründet heute die Prognose eines zukünftigen Risikos – und anhand welcher Kriterien wird festgestellt, ob dieses Risiko durch die geplante Vergrämung tatsächlich verändert wurde?
Nicht allein die Bezeichnung „habituiert“ kann diese Frage beantworten.
Entscheidend sind das konkrete Verhalten des einzelnen Wolfes, seine Entwicklung über die Zeit und seine dokumentierte Reaktion auf Interventionen.
Vergrämung des Hornisgrinde-Wolfs: Was ist bekannt, was bleibt offen? – Stand 27.08.2026