Nationalpark Schwarzwald: Hunde als übersehene Variable

Eine Variable, die niemand kommen sah: Hunde, der Nationalpark und GW2672m

Der Nationalpark Schwarzwald bewarb 2020 aktiv, dass Besucher ihre Hunde mitbringen können. 2026 lebt in genau diesem Gebiet der Einzelwolf GW2672m ("Grindi"). Studien zeigen: Hundeduftmarken wirken auf Wölfe unabhängig von der Leine (Stępniak et al. 2025). Ob die damalige Politik seither überprüft wurde, ist bislang unbeantwortet.

Wurde die Hundepolitik seit Grindis Ankunft je überprüft?

Am 6. Februar 2020 veröffentlichte der Nationalpark Schwarzwald einen Blogartikel mit dem Titel „Nationalpark mit Wau-Effekt". Der Autor Oliver Gewald begleitet Rangerin Heidrun Zeus und ihre Hündin Quitte auf einer Wanderung und lässt sie sagen: „Es gibt Nationalparks, in denen gar keine Hunde erlaubt sind. Das wollen wir nicht!"

Das war 2020 eine vernünftige, freundliche Entscheidung. Kein Wolf lebte damals bekanntermaßen im Gebiet. Der Artikel dreht sich um Familienhunde, Auerhuhnspuren und einen schönen Tag am Wildseeblick.

Sechs Jahre später steht mit GW2672m – „Grindi" – ein einzelner, territoriumsloser Wolfsrüde im Zentrum eines möglichen letzten Vergrämungsversuchs. Und plötzlich liest sich derselbe Artikel anders.

Eine Variable, deren Folgen niemand geprüft hat

Das ist der eigentliche Punkt, unabhängig davon, ob man Fachliteratur bemüht oder nicht: 2020 hat der Nationalpark eine bewusste, aktiv beworbene Entscheidung getroffen – Hunde sind willkommen, auf Wegen, an der Leine. Diese Entscheidung wurde getroffen, bevor irgendjemand wissen konnte, dass sich Jahre später ein einzelner Wolf genau in diesem Gebiet ansiedeln würde.

Man kann dem Nationalpark daraus keinen Vorwurf machen – 2020 gab es keinen Grindi, an den man hätte denken können. Aber genau deshalb ist die eigentlich interessante Frage nicht "War die Entscheidung damals falsch?", sondern: Wurde diese Entscheidung seit der Rückkehr des Wolfs überhaupt neu bewertet?

Der Nordschwarzwald rund um die Hornisgrinde ist ein stark frequentiertes Wandergebiet – und ein gutes Stück davon sind Besucher mit Hund. Jede dieser Runden hinterlässt Duftmarken. Das ist keine Ausnahme, sondern der Normalzustand auf den Wegen, die der Park 2020 noch aktiv als hundefreundlich beworben hat.

Was die Forschung dazu sagt – ohne es zu überdehnen

Man muss hier nicht spekulieren, was Duftmarken bei Wölfen grundsätzlich bewirken. Das ist inzwischen experimentell untersucht:

  • Eine 2025 in Ecology and Evolution veröffentlichte Studie hat Wolfsterritorien gezielt mit Hundeurin markiert und die Reaktion wilder Wölfe per Kamerafalle dokumentiert. Ergebnis: Hundeduft löst eine messbare Verhaltensreaktion aus – unabhängig davon, ob der Hund, der die Marke hinterlassen hat, an der Leine war oder nicht (Stępniak et al. 2025).
  • Eine umfangreiche Verwaltungs-Literaturübersicht aus den USA (Hennings 2016, Metro Parks and Nature, Oregon, 77 ausgewertete Studien) kommt zu einem klaren Befund: Der Geruch von Hunden vertreibt Wildtiere aus einem Gebiet – und der Effekt hält an, auch nachdem der Hund längst weg ist. Mehrere Studien fanden zudem keine Gewöhnung an Hunde, selbst bei häufigem, angeleintem Hundespaziergang – anders als bei Menschen ohne Hund.
  • Ältere, aber weiterhin zitierte Arbeiten zu Dickhornschafen und Murmeltieren zeigen: Die stärksten Stressreaktionen wurden gerade bei angeleinten Hunden gemessen (MacArthur et al. 1982; Mainini et al. 1993). Die Leine reduziert Kontaktrisiko, aber nicht zwingend die Störwirkung durch Geruch und Anwesenheit.

Was diese Studien nicht zeigen: dass genau das bei Grindi passiert ist. Das lässt sich mit öffentlich verfügbaren Daten nicht belegen. Aber sie zeigen, dass die Grundannahme – Hundeduft ist unabhängig von der Leine ökologisch wirksam – keine Vermutung ist, sondern Forschungsstand.

Die eigentlich spannende Frage

Nicht: Ist der Nationalpark schuld an Grindis Verhalten.

Sondern: Eine Politik, die 2020 ohne Wolf im Gebiet beschlossen wurde, trifft 2026 auf eine völlig andere ökologische Realität. Wurde sie seitdem überhaupt einmal mit Blick auf genau diese neue Realität überprüft – oder läuft sie einfach unverändert weiter, während gleichzeitig über eine Maßnahme am Tier selbst diskutiert wird?

Das ist eine Verwaltungsfrage, keine Vorverurteilung. Aber es ist eine, die sich mit Fakten beantworten lässt – wenn der Nationalpark bereit ist, sie zu beantworten.

Quellen: Gewald, O. (2020). Nationalpark mit Wau-Effekt. Nationalpark Schwarzwald, Blog, 06.02.2020. — Stępniak, K. M. et al. (2025). Domestic Dog Scent Marks Trigger a Behavioural Response in Wild Wolves. Ecology and Evolution, 15(7), e71364. — Hennings, L. (2016). The impacts of dogs on wildlife and water quality: A literature review. Metro Parks and Nature, Oregon. — MacArthur, R. A. et al. (1982). Journal of Wildlife Management, 46(2), 351–358. — Mainini, B. et al. (1993). Biological Conservation, 64(2), 161–164.

 

Was Duftmarken-Forschung über Hunde im Wolfsgebiet zeigt

Die unbeantwortete Frage hinter dem Vergrämungsversuch 2026

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