Cem Özdemir, Nationalpark Schwarzwald und der Wolf: Wie weit reicht das Versprechen der Biodiversität?
Cem Özdemir lobt den Nationalpark Schwarzwald: 11.500 Hektar, rund 10.000 Arten, ein Symbol für Naturschutz. Richtig, aber unvollständig. Denn Biodiversität zeigt sich nicht in Fläche, nicht in Zahlen, nicht in Fototerminen — sie zeigt sich im Konflikt.
Und der Konflikt hat einen Namen: GW2672m, der Hornisgrinde-Wolf.
Der einfache Naturschutz — und der schwierige
Arten zählen. Flächen messen. Erfolge verkünden. Das ist der leichte Teil des Naturschutzes.
Schwer wird es, wenn ein einzelnes Tier Sicherheit, Tourismus und Politik gleichzeitig berührt. Genau das tut der Hornisgrinde-Wolf: Er näherte sich Menschen, näherte sich Hunden, näherte sich der Grenze des Tolerierbaren. Das Umweltministerium erteilte Anfang 2026 eine Abschussgenehmigung. Sie lief am 10. März aus, wurde nicht verlängert — stattdessen sollen neue Vergrämungskonzepte greifen.
Weder Freispruch noch Urteil
Der Nationalpark selbst positioniert sich nicht eindeutig. Er feiert die Rückkehr des Wolfs als Zeichen eines gesunden Ökosystems, akzeptiert zugleich die fachliche Bewertung, die zur Entnahmeentscheidung führte, und hält sich aus der Durchführung heraus. Kein Ja, kein Nein, kein klares Bekenntnis.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht: Wolf schützen oder Wolf töten?
Sie lautet: Wie belastbar ist „Natur Natur sein lassen", wenn Natur auf Menschen trifft?
Warum ausgerechnet dieser Wolf zählt
Pilze, Vögel, Insekten — sie leben, sterben, verursachen selten Streit. Ein Wolf verlässt den Park, begegnet Menschen, verändert Verhalten, zwingt Behörden zum Handeln. Deshalb ist GW2672m kein Ausreißer im Nationalparkgedanken, sondern seine anspruchsvollste Bewährungsprobe.
Selbst das Wildtiermanagement des Parks räumt ein: Die frühere Abwesenheit von Wolf und Luchs diente lange als Argument für menschliche Regulation. Mit ihrer Rückkehr wackelt dieses Argument.
Die Frage hinter dem Fototermin
Özdemirs Besuch war mehr als Symbolik — und Symbolik allein reicht trotzdem nicht.
Wer Biodiversität feiert, muss sie auch dort verteidigen, wo sie unbequem wird. Beim Hornisgrinde-Wolf treffen Artenschutz, Sicherheit, Wissenschaft und Politik aufeinander — nicht als Widerspruch, sondern als Test.
Die Antwort ist weder „der Wolf bleibt immer" noch „ein auffälliger Wolf muss weg". Die Antwort ist Transparenz: Welche Maßnahmen wurden versucht? Welche Wirkung zeigten sie? Woran wird Erfolg gemessen?
Die eine Art, nicht die zehntausend
10.000 Arten beeindrucken. Aber sie beweisen wenig. Die Bewährungsprobe eines Schutzsystems liegt nicht bei den 9.999 Arten, über die niemand streitet — sie liegt bei der einen, bei der es wehtut.
Der Hornisgrinde-Wolf ist diese eine Art. An ihm zeigt sich, ob der Nationalpark Schwarzwald hält, was er verspricht: nicht gegen den Menschen, nicht gegen den Wolf — sondern im Umgang mit dem Konflikt zwischen beiden.
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