Hornisgrinde-Wolf am Ochsenkopf: Wie viel Wildnis verträgt ein Nationalpark?

Innerhalb von zwei Tagen bin ich zwei ähnliche Routen zwischen Hundseck, Mehliskopf und Hohem Ochsenkopf gegangen. Am Dienstag führte meine Runde über den Nordbeckerweg und zurück über den Ochsenkopf. Am 24. September war ich gemeinsam mit Susanne unterwegs: von Hundseck in Richtung Hundsbach und anschließend über den Südbeckerweg zum Hohen Ochsenkopf.

Der Vergleich zeigt einen bemerkenswerten Übergang: Auf relativ kurzer Distanz verändert sich die Landschaft von sichtbar bewirtschaftetem Wald zu einem Gebiet, das immer wilder und ursprünglicher wirkt.

Und genau dort stellt sich eine größere Frage: Was bedeutet Nationalpark, wenn ausgerechnet in einem solchen Rückzugsraum Vergrämung oder sogar eine erneute Entnahme des Hornisgrinde-Wolfs stattfinden sollte?

Hundseck und Mehliskopf: sichtbare Eingriffe in den Wald

Auf der Südseite des Mehliskopfs wurde in diesem Sommer umfangreich im Wald gearbeitet. Man sieht deutlich, wo schwere Maschinen gefahren sind. Der Boden ist verdichtet, tiefe Fahrspuren ziehen sich teilweise fast senkrecht durch den Hang.

Hier wird unmittelbar sichtbar, wie stark der Mensch einen Wald verändern kann. Was solche Strukturen bei Starkregen für den Wasserabfluss bedeuten, müsste fachlich untersucht werden. Vor Ort stellt sich zumindest die Frage, ob die tiefen Fahrspuren wie bereits vorhandene Abflussbahnen wirken können.

Dann erreicht man den Nationalpark Schwarzwald – und der Charakter des Waldes verändert sich.

Nordbeckerweg, Südbeckerweg und Hoher Ochsenkopf

Ich habe das Gebiet inzwischen über drei Verbindungen erlebt: Nordbeckerweg, Südbeckerweg und Hoher Ochsenkopf.

Je tiefer man in den Nationalpark gelangt, desto stärker tritt die menschliche Ordnung zurück. Die Wege werden schmaler, Totholz bleibt liegen, Felsen und große Steinblöcke prägen das Gelände.

Der Nordbeckerweg ist dabei deutlich schwieriger zu begehen. Am Südbeckerweg öffnet sich dagegen mitten im Wald plötzlich eine große Grindenfläche. Nach dem geschlossenen Wald steht man unvermittelt in einer weiten, offenen Landschaft.

Noch markanter ist der Teufelskamin. Hier fällt der Hang stark ab. Danach folgen Waldabschnitte und der Bannwald am Ochsenkopf, die mit dem bewirtschafteten Wald außerhalb des Nationalparks kaum noch vergleichbar erscheinen.

So stellt man sich einen Wald vor, der nicht permanent nach menschlichen Vorstellungen geordnet wird.

Die Route und das Gelände haben wir ausführlich hier dokumentiert:

→ Hornisgrinde-Wolf am 24.09.2026: Über den Südbeckerweg zum Hohen Ochsenkopf

Susannes Perspektive: drei Stunden im Wolfsgebiet ohne Grindi

Susanne hat dieselbe Wanderung aus ihrer eigenen Perspektive beschrieben: den schmalen Südbeckerweg, Heidelbeeren und Farne, die hohen Tannen und die Stille des Waldes.

Rund drei Stunden waren wir im Gebiet unterwegs. Grindi sahen wir nicht.

Für Susanne wurde gerade diese Nullbeobachtung zu einem Bild für Koexistenz: Menschen bewegen sich durch das Gebiet des Hornisgrinde-Wolfs, während der Wolf unsichtbar bleibt.

Ihr vollständiger Erfahrungsbericht:

→ Hornisgrinde-Wolf am Südbeckerweg: Drei Stunden im Wolfsgebiet ohne Begegnung mit Grindi

Damit liegen für dieselbe Wanderung zwei Perspektiven vor: mein Geländebericht und Susannes persönlicher Erfahrungsbericht.

Vom Pfriemackerkopf über Hundseck zum Ochsenkopf

Mit den verschiedenen Begehungen entsteht zunehmend ein zusammenhängendes Landschaftsbild.

Pfriemackerkopf, Hundseck, Mehliskopf, Nordbeckerweg, Südbeckerweg und Hoher Ochsenkopf sind keine isolierten Punkte. Waldflächen, Höhenzüge, Grinden und Übergänge verbinden sie.

Die Grenze des Nationalparks ist eine menschliche Grenze. Für Wildtiere bleibt die Landschaft ein zusammenhängender Raum.

Gerade deshalb ist der Kontrast so auffällig: Auf der einen Seite intensive menschliche Waldnutzung, wenig später ein Gebiet, in dem natürliche Prozesse wesentlich stärker sichtbar werden.

Das Paradox am Hohen Ochsenkopf

Und genau hier beginnt für mich der eigentliche Widerspruch.

Teile dieses Gebietes werden saisonal für Besucher gesperrt, unter anderem zum Schutz des Auerhuhns.

Während der Entnahmephase im Februar begegneten wir jedoch in diesem Gebiet Jägern. Wir beobachteten, wie Pheromone ausgebracht wurden; neben mir machten zwei weitere anwesende Personen diese Beobachtung. Außerdem waren Fahrzeug- beziehungsweise Jeep-Spuren im Gelände sichtbar.

Damit verbindet sich dieser scheinbar ursprüngliche Wald für mich auch mit der damaligen Entnahmephase des Hornisgrinde-Wolfs.

Hornisgrinde-Wolf: Der Ochsenkopf als Test für die Idee Nationalpark

Ein Nationalpark besitzt seinen besonderen Wert gerade deshalb, weil der Mensch einen Teil seiner Kontrolle über die Natur zurücknimmt.

Sollten am Hohen Ochsenkopf erneut intensive Maßnahmen zur Vergrämung oder Entnahme von Grindi, dem Hornisgrinde-Wolf, stattfinden, stellt sich deshalb eine grundsätzliche Frage.

Es geht nicht darum, notwendige Maßnahmen grundsätzlich auszuschließen. Entscheidend ist, welche Eingriffe in einem besonders geschützten Naturraum gerechtfertigt sind, wie sie begründet werden und wie transparent sie dokumentiert werden.

Wenn Besucher zum Schutz empfindlicher Arten zeitweise ausgeschlossen werden, während gleichzeitig erhebliche Eingriffe in diesem Raum möglich bleiben, muss dieser Widerspruch erklärt werden.

Der Ochsenkopf macht diese Frage ungewöhnlich konkret:

Wenn wir einen Wald bewusst wieder wilder werden lassen – wie viel Wildnis sind wir dann tatsächlich bereit auszuhalten?

©Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten.

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.