Das Greifensteiner Paradox: Was bewirkt die Tötung von zwei Jungwölfen im Lahn-Dill-Kreis?

Das Greifensteiner Wolfsrudel im Lahn-Dill-Kreis steht im Mittelpunkt des hessischen Wolfsmanagements 2026. Nach der Entscheidung des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs dürfen derzeit noch zwei Jungwölfe des Greifensteiner Rudels entnommen werden. Begründet wird die Konzentration auf das Gebiet um Greifenstein, Wetzlar und Driedorf unter anderem mit dokumentierten Nutztierrissen und der hohen Reproduktion des Rudels. Doch daraus entsteht eine zentrale Frage: Was soll die Tötung zweier Jungwölfe konkret bewirken, wie wird der Erfolg der Maßnahme gemessen – und was geschieht, wenn die Nutztierrisse im Lahn-Dill-Kreis danach weitergehen? Grindi-Wolf und Donald Pennet dokumentieren diese Ausgangslage, bevor die Antwort bekannt ist

Die Elterntiere reißen Nutztiere – warum sollen die Jungwölfe sterben?

Eine Disputatio von Donald Pennet | Grindi-Wolf | 29.09.2026

Im Lahn-Dill-Kreis in Hessen dürfen nach der Entscheidung des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs wieder juvenile Wölfe des Greifensteiner Rudels getötet werden.

Ursprünglich hatte das Regierungspräsidium Kassel die Entnahme von maximal vier Jungwölfen vorgesehen. Zwei bereits tot aufgefundene Wölfe aus dem Territorium werden darauf angerechnet. Damit verbleibt derzeit die mögliche Entnahme von zwei juvenilen Wölfen.

Die juristische Frage ist vorerst beantwortet.

Eine andere Frage beginnt aber erst jetzt:

Was sollen diese zwei toten Jungwölfe konkret verändern?

Und noch wichtiger:

Woran wird später gemessen, ob die Maßnahme erfolgreich war?

Das Problem im Lahn-Dill-Kreis ist real

Zunächst muss man etwas festhalten, das in der emotionalen Wolfsdebatte leicht verloren geht.

Im Gebiet des Greifensteiner Rudels wurden Nutztierschäden dokumentiert.

Das Regierungspräsidium Kassel nennt ausdrücklich zwei Gründe dafür, die Entnahme auf den Lahn-Dill-Kreis zu konzentrieren: Das Greifensteiner Rudel hatte mit vier nachgewiesenen Welpen die höchste Reproduktion der hessischen Rudel, und in der Region wurden vermehrt Nutztierrisse festgestellt, die diesem Rudel zugerechnet werden konnten.

Auch der Hessische Verwaltungsgerichtshof verweist bei seiner Entscheidung ausdrücklich auf die im Lahn-Dill-Kreis nachgewiesenen Nutztierrisse des Greifensteiner Rudels.

Das Problem ist also nicht erfunden.

Die interessante Frage lautet vielmehr:

Passt die gewählte Maßnahme zu diesem Problem?

Das Greifensteiner Paradox

Bereits bevor das heutige Rudel bestätigt wurde, waren die beiden späteren Elterntiere im Zusammenhang mit Nutztierschäden bekannt.

Das Wolfszentrum Hessen berichtete am 28. August 2025, dass der Rüde GW2478m seit Februar 2025 viermal genetisch im Territorium Greifenstein nachgewiesen worden war.

Alle vier Nachweise standen im Zusammenhang mit Nutztierschäden.

Bei drei dieser Fälle wurde gleichzeitig die Fähe GW2479f genetisch festgestellt.

Das sind die späteren Elterntiere des Greifensteiner Rudels.

Damit entsteht das Paradox:

Die Nutztierschäden sind ein wesentlicher Grund dafür, warum gerade im Lahn-Dill-Kreis Wölfe entnommen werden sollen.

Getötet werden sollen aber nicht gezielt die erwachsenen Tiere, die bereits genetisch mit Nutztierschäden verbunden wurden, sondern Jungwölfe.

Beides kann rechtlich und wildbiologisch begründet werden.

Aber es sind zwei unterschiedliche Logiken.

Bestandsmanagement ist nicht automatisch Schadensmanagement

Der Managementplan des Regierungspräsidiums Kassel erklärt die Auswahl juveniler Wölfe vor allem populationsbiologisch.

Die Population soll stabil gehalten werden. Gleichzeitig soll die Alters- und Sozialstruktur erhalten bleiben.

Eingriffe bei juvenilen oder subadulten Wölfen wirken sich nach Darstellung des RP Kassel weniger stark auf die Sozialstruktur eines Rudels aus als die Entnahme erwachsener Tiere.

Außerdem lassen sich Jungwölfe während der Jagdzeit noch besser von adulten Tieren unterscheiden.

Das ist eine nachvollziehbare Bestandsmanagement-Logik.

Aber damit ist eine andere Frage noch nicht beantwortet:

Warum sollten zwei Jungwölfe weniger zu weniger Nutztierrissen führen?

Das ist nicht dieselbe Frage wie:

Wie viele Wölfe können entnommen werden, ohne den günstigen Erhaltungszustand der Population zu gefährden?

Genau diese beiden Ebenen sollten nicht miteinander vermischt werden.

Auch der Herdenschutz liefert keine einfache Antwort

Bei den Nutztierschäden im Lahn-Dill-Kreis gab es Fälle mit unzureichendem Schutz.

Es gibt jedoch ebenfalls dokumentierte Schadensereignisse, bei denen Grundschutz beziehungsweise gute fachliche Praxis offiziell festgestellt wurde.

Das Wolfszentrum Hessen weist ausdrücklich darauf hin, dass die Bewertung dieses Grundschutzes durch die zuständigen Regierungspräsidien erfolgt.

„Grundschutz vorhanden“ bedeutet nicht, dass eine Weide für einen Wolf unter allen Umständen unüberwindbar gewesen sein muss.

Aber es bedeutet ebenso wenig, dass sich sämtliche Risse mit fehlendem Herdenschutz erklären lassen.

Auch hier bleibt das Bild kompliziert.

Was wäre ein Erfolg?

Nehmen wir nun an, die zwei Jungwölfe des Greifensteiner Rudels werden tatsächlich getötet.

Dann müsste eigentlich bereits vorher definiert werden, was anschließend als Erfolg gilt.

Ist die Maßnahme erfolgreich, wenn danach weniger Wölfe im Territorium Greifenstein leben?

Dann wäre das Ziel reine Bestandsregulierung.

Oder ist sie erfolgreich, wenn im Lahn-Dill-Kreis, in Greifenstein, Wetzlar, Driedorf und den umliegenden Gemeinden weniger Nutztierrisse auftreten?

Dann müsste genau das gemessen werden.

Oder lautet das Ziel, dass weniger geschützte Weidetiere gerissen werden?

Auch das wäre messbar.

Diese Ziele sind nicht identisch.

Und wenn die Risse nicht aufhören?

Hier beginnt für mich als Beobachter die eigentlich interessante Phase.

Was passiert, wenn zwei Jungwölfe getötet werden – und danach weiterhin Nutztierrisse auftreten?

Die Elterntiere GW2478m und GW2479f bleiben schließlich zunächst im Territorium.

Folgt dann eine weitere Entnahme?

Wird ein bestimmter schadensverursachender Wolf identifiziert?

Wird der Herdenschutz verstärkt?

Ändert sich das Management im Lahn-Dill-Kreis?

Oder werden im folgenden Jahr erneut Jungwölfe entnommen?

Das Regierungspräsidium Kassel hält ausdrücklich fest, dass auch nach Erfüllung der im Managementplan festgelegten Entnahme unter anderen gesetzlichen Voraussetzungen weitere Bejagung möglich bleibt.

Damit endet die Geschichte nicht zwingend mit zwei Jungwölfen.

Sie könnte dort erst anfangen.

Grindi-Wolf: Nicht nur den Abschuss dokumentieren, sondern das Danach

Bei Grindi-Wolf haben wir im Nordschwarzwald gelernt, wie wichtig es ist, Beobachtung und Interpretation voneinander zu trennen.

Eine Wolfsbeobachtung ist eine Beobachtung.

Eine Spur kann wahrscheinlich oder unsicher sein.

Und vier Stunden im Wolfsgebiet ohne Begegnung sind ebenfalls ein Ergebnis.

Für Grindi-Wolf und mich, Donald Pennet, ergibt sich daraus beim Greifensteiner Rudel eine neue Fragestellung.

Wir sollten nicht nur beobachten, ob Wölfe getötet werden.

Wir sollten dokumentieren, was danach passiert.

Für den Lahn-Dill-Kreis gibt es jetzt einen Ausgangspunkt:

Vorher: dokumentierte Nutztierrisse und ein reproduzierendes Wolfsrudel.

Intervention: mögliche Entnahme von zwei juvenilen Wölfen.

Danach: Was verändert sich?

Nach drei Monaten.

Nach sechs Monaten.

Nach einem Jahr.

Nicht um bereits heute zu behaupten, die Entnahme werde funktionieren.

Und ebenso wenig, um heute zu behaupten, sie werde nicht funktionieren.

Sondern um eine Frage offen zu halten, die nach einer solchen Intervention beantwortet werden sollte:

Hat die Tötung der zwei Jungwölfe das Problem verändert, mit dem die Maßnahme im Lahn-Dill-Kreis begründet wurde?

Wenn die Nutztierrisse deutlich zurückgehen, gehört auch das dokumentiert.

Wenn sie unverändert bleiben, ebenfalls.

Und wenn andere Faktoren – etwa verbesserter Herdenschutz – gleichzeitig verändert werden, müssen auch diese berücksichtigt werden.

Genau darin liegt das Greifensteiner Paradox:

Die Nutztierrisse helfen zu erklären, warum die Entnahme räumlich nach Greifenstein und in den Lahn-Dill-Kreis gelenkt wird.

Die ausgewählten Jungwölfe werden dagegen aus einer populationsbiologischen Managementlogik heraus ausgewählt.

Ob die zweite Maßnahme das erste Problem tatsächlich verändert, ist damit noch nicht beantwortet.

Diese Antwort kann erst das Danach liefern.

Donald Pennet
Grindi-Wolf
29. September 2026

 

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