Grindi-Wolf und Wolfspädagogik: Wie eine Facebook-Seite funktioniert
Die Facebook-Seite „Wolfspädagogik“ hat rund 1.500 Follower und folgt selbst nur wenigen Accounts. Ihre öffentliche Selbstbeschreibung ist knapp:
„Liebe zu Tieren, Aufklärung über Desinformationen und Satire.“
Grindi-Wolf hat sich bereits in zwei Texten mit der Seite beschäftigt. Zunächst haben wir einen Zeitraum von rund 24 Stunden dokumentiert und 18 Veröffentlichungen nach ihrem jeweiligen Hauptgegenstand ausgewertet. Danach haben wir uns mit der schwierigeren Frage beschäftigt, wo bei einer solchen Beobachtung die Dokumentation endet und Interpretation beginnt.
Dieser dritte Text geht deshalb bewusst einen anderen Weg.
Es geht nicht darum, erneut einzelne Aussagen von „Wolfspädagogik“ auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Es geht auch nicht darum, den Betreibern der Seite eine bestimmte Absicht zu unterstellen.
Die Frage lautet vielmehr:
Wie funktioniert die Kommunikation auf dieser Facebook-Seite?
Dafür betrachten wir nicht nur, was veröffentlicht wird, sondern den Ablauf: Was ist der Ausgangspunkt eines Beitrags? Was fügt „Wolfspädagogik“ hinzu? Was geschieht anschließend im Kommentarbereich? Und wie verändert sich dabei das ursprüngliche Thema?
1. Der Ausgangspunkt kommt häufig von außen
Ein auffälliges Merkmal der dokumentierten Beiträge ist, dass „Wolfspädagogik“ häufig nicht mit einer eigenen Sachinformation beginnt.
Ausgangspunkt kann beispielsweise sein:
- ein Medienartikel,
- ein Facebook-Beitrag einer anderen Seite,
- eine Äußerung eines Wolfsaktivisten,
- eine politische Kandidatur,
- ein Spendenaufruf,
- eine Initiative aus dem Bereich Jagd oder Naturschutz.
Am 28. August wurde beispielsweise ein NDR-Beitrag zum Landesjagdrecht geteilt. In einem anderen Beitrag ging es um eine neue Regelung zum Wolf in Dänemark. Ein weiterer Beitrag griff die Landtagskandidatur von Thomas Frost auf. Wieder ein anderer nahm einen Spendenaufruf von Christian Berge zum Anlass.
Das Material wird also zunächst aus einem bereits bestehenden öffentlichen Kommunikationsraum ausgewählt und auf die eigene Seite geholt.
Das allein ist auf Facebook selbstverständlich und sagt noch nichts über die Ausrichtung einer Seite aus.
Interessanter wird der nächste Schritt.
2. Zum Ausgangsmaterial kommt ein eigener Rahmen
„Wolfspädagogik“ veröffentlicht fremdes Material häufig nicht allein, sondern versieht es mit einem eigenen Kommentar.
Bei einem Beitrag über Christian Berge lautete dieser beispielsweise:
„Unser kleiner Chrischan wieder. Er findet immer wieder Dumme, die ihm Geld überweisen. Es ist schon bemerkenswert, wie leichtgläubig Wolfsfreunde da sind.“
Bei einem Beitrag, den Thomas Frost zu einem Zeitungsartikel über hechelnde Schafe veröffentlicht hatte, schrieb die Seite:
„Und es stellt sich wieder die Frage, warum postet Herr Frost den Beitrag. Will er aufzeigen, wie faul die Schäfer sind oder will er darüber aufklären, dass man genau prüfen soll, wann eine Anzeige überhaupt angebracht ist?“
Als die NDR-Kandidatenseite von Thomas Frost zur Landtagswahl aufgegriffen wurde, lautete der einleitende Kommentar:
„Dieses Mal hat man ihn nicht vergessen. Allerdings hat man ihn nicht als Spitzenkandidaten zu einem Interview geladen.“
Und über einen Beitrag der Taskforce Artenschutz schrieb „Wolfspädagogik“:
„Ach, auch unsere Taskforce ist wieder bemüht.“
Die ursprüngliche Information bleibt dabei grundsätzlich vorhanden. Sie erhält jedoch durch den darüber gesetzten Kommentar einen zusätzlichen Kontext.
Das lässt sich zunächst ganz neutral als ein erster wiederkehrender Kommunikationsschritt beschreiben:
externes Material → Auswahl → eigener Rahmen.
3. Danach übernimmt der Kommentarbereich
Mit der Veröffentlichung endet der Kommunikationsvorgang nicht.
Unter mehreren der dokumentierten Beiträge erscheinen dieselben oder wiederkehrende Kommentatoren. Sie reagieren nicht ausschließlich auf die ursprüngliche Sachfrage, sondern bringen zusätzliche Informationen, Bewertungen, Erinnerungen und Behauptungen ein.
Beim Beitrag über Christian Berges Spendenaufruf ging es zunächst um die Finanzierung eines Autos für Aktivitäten im Wolfsschutz.
Im Kommentarbereich wurden daraus weitere Themen: seine Hunde, Fahrradfahren, Aktivitäten in Naturschutzgebieten, mögliche Klagen und die Frage, ob Spenden gegenüber Behörden angegeben würden.
Letzteres wurde von einer Kommentatorin als Frage in den Raum gestellt:
„Ob er diese Spenden wohl beim Amt angibt???? Ich glaube wir wissen alle die Antwort.“
Für die hier untersuchte Methodik ist nicht entscheidend, ob diese Behauptung zutrifft. Uns liegt dafür kein Beleg vor.
Entscheidend ist etwas anderes: Der Gegenstand des Threads hat sich erweitert.
Aus einem Spendenaufruf für ein Fahrzeug entsteht innerhalb des Kommentarfeldes ein wesentlich breiteres Gespräch über die betreffende Person.
4. Aus einem Thema können mehrere personenbezogene Themen entstehen
Dasselbe lässt sich beim Beispiel Thomas Frost beobachten.
Ausgangspunkt eines Beitrags war ein Zeitungsartikel über Schafe bei Hitze.
Der Kommentar von „Wolfspädagogik“ stellte die Frage, warum Frost diesen Artikel veröffentlicht habe.
Im anschließenden Kommentarbereich wurden unter anderem seine Hunde, ein früherer Beitrag über Ziegen auf einem Friedhof, eine weitere Person sowie seine Kompetenz thematisiert.
Ein anderer dokumentierter Beitrag begann mit seiner Kandidatur für die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern.
Im Kommentarbereich ging es anschließend unter anderem um seine berufliche Laufbahn, Mobiltelefone an Schulen, Videoüberwachung, frühere Aktivitäten und öffentliche Auftragsvergabe.
Ein weiterer ausführlicher Beitrag beschäftigte sich schließlich mit Frosts Lebenslauf und seiner Tätigkeit bei der Marine. Dort wurden detaillierte Aussagen über Schulabschluss, Berufsausbildung, Bundeswehrzeit, Waffenkenntnisse, spätere pädagogische Tätigkeiten und seine berufliche Qualifikation gemacht.
Auch hier geht es zunächst nicht darum, diese Aussagen zu bestätigen oder zu widerlegen.
Dokumentierbar ist der Kommunikationsweg:
Sachlicher Ausgangspunkt → Person → weitere Lebensbereiche der Person.
5. Frühere Geschichten werden in neue Diskussionen hineingeholt
Damit entsteht eine weitere Besonderheit.
Ein Facebook-Beitrag steht nicht zwangsläufig für sich.
Teilnehmer erinnern an frühere Beiträge, frühere Auseinandersetzungen und frühere Aussagen. Dadurch können ältere Geschichten in einem neuen Thread wieder auftauchen.
In unserem Material finden sich beispielsweise Verweise auf einen früheren Beitrag mit Ziegen auf einem Friedhof. Andere Kommentare beziehen sich auf frühere Aktivitäten oder Aussagen bestimmter Personen.
Damit entsteht eine Art kommunikatives Gedächtnis.
Ein neuer Anlass muss deshalb nicht bei null beginnen.
Er kann vorhandenes Material reaktivieren:
neuer Anlass → bekannte Person → frühere Geschichte → neue Diskussion.
Für Außenstehende ist das nicht immer leicht nachvollziehbar, weil Teile der Geschichte in älteren Facebook-Threads liegen können.
6. Die Seite und das Kommentarfeld müssen getrennt betrachtet werden
Diese Unterscheidung ist für eine faire Analyse besonders wichtig.
Nicht alles, was unter einem Beitrag von „Wolfspädagogik“ geschrieben wird, stammt von „Wolfspädagogik“.
Wir unterscheiden deshalb in unserer Dokumentation konsequent zwischen:
dem ursprünglichen Fremdmaterial, dem eigenen Kommentar der Seite und den Aussagen Dritter im Kommentarbereich.
Diese Trennung verhindert, dass Aussagen von Kommentatoren automatisch der Seite zugerechnet werden.
Gleichzeitig gehört der Kommentarbereich zur beobachtbaren Funktionsweise einer Facebook-Seite. Wenn bestimmte Personen wiederholt kommentieren, aufeinander reagieren und ältere Geschichten einbringen, entwickelt sich der Inhalt eines Threads gemeinschaftlich weiter.
Die Kommunikationsstruktur ist deshalb nicht einfach:
Wolfspädagogik → Leser
sondern häufig eher:
externer Inhalt → Wolfspädagogik → Kommentatoren → weitere Informationen und Behauptungen → Antworten → Rückgriffe auf frühere Diskussionen.
7. Nicht jeder Beitrag funktioniert so
Das ist eine wichtige Einschränkung.
„Wolfspädagogik“ veröffentlicht auch Beiträge, bei denen diese personenbezogene Dynamik nicht erkennbar ist.
Am 28. August wurde beispielsweise ein NDR-Beitrag über die geplante Erleichterung der Jagd auf Wölfe und Nutrias geteilt. Dazu war in unserem Material kein eigener längerer Kommentar der Seite erkennbar.
Auch internationale Entwicklungen zur Wolfsregulierung oder Beiträge über Landwirtschaft und Jagd gehören zum Veröffentlichungsmix.
Bereits unsere erste 24-Stunden-Dokumentation zeigte diese Mischung. Von 18 Veröffentlichungen betrafen acht namentlich benannte Einzelpersonen; andere Beiträge beschäftigten sich mit Weidetierhaltung, Herdenschutz, Wildwanderwegen, internationaler Wolfsregulierung und weiteren Themen.
Das ist wichtig, weil einzelne besonders zugespitzte Beispiele allein kein vollständiges Bild der Seite ergeben.
8. Hohe Veröffentlichungsfrequenz gehört zum Kontext
Auch die reine Zahl der Beiträge muss eingeordnet werden.
In unserem ersten Beobachtungsfenster erschienen 18 Veröffentlichungen innerhalb von ungefähr 24 Stunden. Auch am 28. August war die Veröffentlichungsaktivität hoch.
Eine hohe absolute Zahl personenbezogener Beiträge kann deshalb teilweise auch Ausdruck einer generell hohen Veröffentlichungsfrequenz sein.
Aus diesem Grund interessiert uns weniger die bloße Zahl als die Struktur einzelner Kommunikationsvorgänge.
Und dort lässt sich anhand mehrerer Beispiele derselbe Ablauf untersuchen:
Auswahl eines externen Anlasses → Kommentierung durch die Seite → Reaktionen des Kommentarfeldes → Erweiterung des Gegenstands → teilweise Rückgriff auf ältere Vorgänge.
9. Und was hat das mit „Liebe zu Tieren, Aufklärung über Desinformationen und Satire“ zu tun?
Damit kommen wir zurück zur Selbstbeschreibung der Seite.
„Liebe zu Tieren, Aufklärung über Desinformationen und Satire.“
Alle drei Elemente können grundsätzlich erklären, warum eine Seite wie „Wolfspädagogik“ fremde Beiträge auswählt und kommentiert.
Wer Desinformation aufklären möchte, muss sich zwangsläufig mit Aussagen anderer Menschen beschäftigen.
Satire funktioniert häufig über Personen, Widersprüche und Zuspitzung.
Und eine Seite, die sich mit Wolf, Jagd und Weidetierhaltung beschäftigt, wird zwangsläufig politische und gesellschaftliche Konflikte rund um Tiere behandeln.
Unsere Dokumentation beantwortet deshalb nicht die Frage, warum „Wolfspädagogik“ diese Kommunikationsform wählt.
Sie zeigt zunächst nur, wie sie in den untersuchten Beispielen funktioniert.
10. Das beobachtbare Modell
Reduziert man die dokumentierten Beispiele auf ihre Kommunikationsstruktur, ergibt sich ein einfaches Modell:
Trigger → Auswahl → Rahmung → Kommentierung → Erweiterung → Rückgriff auf frühere Vorgänge → neuer Trigger
Nicht jeder Beitrag durchläuft sämtliche Schritte. Nicht jeder Beitrag richtet sich gegen eine Person. Und aus dem Modell lässt sich keine Absicht ableiten.
Aber es erlaubt, die Seite anders zu betrachten.
Nicht nur danach, was Wolfspädagogik sagt, sondern danach, wie aus einem Ausgangsereignis ein Facebook-Diskurs entsteht und wie sich dieser Diskurs anschließend entwickelt.
Genau an dieser Stelle wird die Selbstbeschreibung „Liebe zu Tieren, Aufklärung über Desinformationen und Satire“ überprüfbar.
Nicht indem wir entscheiden, ob sie richtig oder falsch ist.
Sondern indem wir den Kommunikationsprozess sichtbar machen und den Leser selbst entscheiden lassen, wie gut Selbstbeschreibung und beobachtbare Praxis zusammenpassen.
Grindi-Wolf, Wolfspädagogik: Liebe zu Tieren, Aufklärung über Desinformationen und Satire
Grindi, Yellowstone und die Frage des zukünftigen Risikos