Grindi-Wolf: Transparenz statt Geheimhaltung – was wir selbst dokumentieren können

Rund um den Hornisgrinde-Wolf stehen derzeit unterschiedliche Aussagen im Raum: regelmäßige Sichtungen, Annäherungen an Menschen, Vergrämung und möglicherweise weitere Maßnahmen bis hin zur Entnahme. Gleichzeitig sind viele dieser Aussagen für Außenstehende nur schwer anhand öffentlich zugänglicher Dokumentation nachzuvollziehen. Grindi-Wolf setzt deshalb auf einen einfachen Ansatz: beobachten, dokumentieren und unterschiedliche Erfahrungen öffentlich nachvollziehbar machen – ohne den Wolf zu verfolgen oder sensible aktuelle Standortinformationen zu veröffentlichen.

Bettelmannskopf: Warum eigene Beobachtung wichtig ist

Vor einer Woche war ich im Nordschwarzwald zwischen Hundseck und Unterstmatt am Bettelmannskopf unterwegs. Zuvor hatte ich aus diesem Gebiet mehrere Anrufe und Nachrichten erhalten: Der Wolf sei dort gesehen worden, gleichzeitig seien verschiedene Kameras im Gebiet vorhanden.

Am Sonntagmorgen bin ich selbst dorthin gegangen und hatte Sichtungen des Wolfs.

Für mich war dabei aber nicht nur die Sichtung wichtig. Ebenso wichtig war, das Gebiet bei Tageslicht kennenzulernen: Wege, Waldflächen, Weiden, menschliche Nutzung und die Struktur des Geländes.

Wer über eine Situation sprechen will, sollte möglichst auch verstehen, in welchem Raum sie stattfindet.

Viele Aussagen – wenige öffentlich nachvollziehbare Bezugspunkte

Wir befinden uns derzeit in einer schwierigen Zwischenphase.

Minister Gentges hat in der BNN über Vergrämung und, sollte diese nicht zum gewünschten Ergebnis führen, über eine mögliche Entnahme gesprochen. Gleichzeitig hören wir aus dem Umfeld des Nationalparks von regelmäßigen Sichtungen und davon, dass sich der Wolf Menschen angenähert haben soll.

Solche Aussagen können für die weitere Bewertung des Wolfs erhebliche Bedeutung bekommen.

Deshalb stellt sich eine einfache Frage:

Welche konkreten Beobachtungen liegen diesen Einschätzungen zugrunde und welche davon können öffentlich nachvollzogen werden?

Es geht dabei nicht darum, Aussagen pauschal anzuzweifeln. Es geht darum, zwischen einer Aussage und ihrer dokumentierten Grundlage unterscheiden zu können.

Geheimhaltung oder Transparenz?

Aus dem Umfeld von Menschen, die sich für den Schutz des Hornisgrinde-Wolfs einsetzen, wurde mir mehrfach gesagt, bestimmte Informationen besser nicht öffentlich zu machen.

Das Argument ist nachvollziehbar: Informationen über den Aufenthaltsort eines Wolfs könnten auch von Menschen genutzt werden, die ihm schaden wollen.

Mir wurde sogar gesagt, sollte der Hornisgrinde-Wolf irgendwann entnommen werden, könnte öffentliche Dokumentation dazu beigetragen haben.

Diese Möglichkeit sollte man nicht einfach abtun.

Aber daraus folgt für mich nicht, dass wir schweigen sollten.

Die entscheidende Unterscheidung lautet:

Transparenz bedeutet nicht, aktuelle Aufenthaltsorte des Wolfs zu veröffentlichen.

Wir müssen nicht schreiben, wo sich der Wolf gerade befindet. Wir können vielmehr dokumentieren, was Menschen in diesem Gebiet tatsächlich erleben.

Was jeder von uns tun kann

Man muss keiner Organisation angehören, um einen Beitrag zu einer nachvollziehbaren Dokumentation zu leisten.

Wer im Gebiet unterwegs ist, kann beispielsweise:

  • auf öffentlichen und freigegebenen Wegen wandern und die geltenden Regeln respektieren;
  • sich bei Tageslicht mit Landschaft, Wegen, Weiden und menschlicher Nutzung vertraut machen;
  • den Wolf weder suchen noch verfolgen oder anlocken;
  • zufällige Begegnungen sachlich dokumentieren;
  • auch dokumentieren, wenn kein Wolf gesehen wurde;
  • Erfahrungen aus der Zeit der Entnahme oder Vergrämung festhalten;
  • Beobachtung und Interpretation klar voneinander trennen;
  • auf die Veröffentlichung sensibler oder aktueller Standortinformationen verzichten;
  • öffentliche Aussagen von Behörden, Politik und Verbänden sammeln und mit den jeweils verfügbaren Quellen verknüpfen;
  • eigene Erfahrungen mit anderen teilen.

Das Ergebnis ist keine Gegenkampagne. Es entsteht vielmehr eine zusätzliche Ebene von Dokumentation.

Auch eine Nicht-Sichtung ist eine Beobachtung

Dieser Punkt wird häufig unterschätzt.

Wenn jemand mehrere Stunden durch ein Gebiet wandert und keinen Wolf sieht, beweist das natürlich nicht, dass der Wolf dort nicht war.

Aber es ist trotzdem eine Beobachtung.

Wenn viele Menschen über einen längeren Zeitraum ihre Wanderungen dokumentieren, entsteht ein differenzierteres Bild:

Wo wurde ein Wolf tatsächlich gesehen? Wo wurde keiner gesehen? Wie häufig finden Begegnungen statt? Wie reagieren Wolf und Mensch? Welche anderen Nutzungen finden gleichzeitig im Gebiet statt?

Eine einzelne Beobachtung sagt wenig. Viele sauber dokumentierte Beobachtungen können dagegen Zusammenhänge sichtbar machen.

Eigene Erfahrungen statt vorgefertigter Narrative

Gerade jetzt entstehen unterschiedliche Erzählungen über den Hornisgrinde-Wolf.

Der Wolf habe seine Scheu verloren.

Der Wolf nähere sich Menschen.

Die Vergrämung funktioniere oder funktioniere nicht.

Bestimmte Gruppen hätten politische Entscheidungen beeinflusst.

Andere wiederum sagen, der Wolf solle einfach in Ruhe gelassen werden.

Grindi-Wolf muss keine dieser Erzählungen übernehmen.

Wir können zunächst eine viel einfachere Frage stellen:

Was können wir tatsächlich dokumentieren?

Aus vielen einzelnen Erfahrungen kann mit der Zeit ein Bild entstehen, das nicht von einer einzelnen Organisation, Behörde oder Interessengruppe kontrolliert wird.

Erfahrungen auf Grindi-Wolf veröffentlichen

Deshalb möchte ich Menschen ausdrücklich ermutigen, ihre eigenen Erfahrungen festzuhalten.

Interessant sind beispielsweise Erfahrungen von Menschen, die:

  • während der früheren Entnahmephase im Gebiet unterwegs waren;
  • an einer Mahnwache teilgenommen haben;
  • regelmäßig zwischen Hundseck, Unterstmatt, Hochkopf oder anderen Bereichen der Region wandern;
  • dem Wolf tatsächlich begegnet sind;
  • dort häufig unterwegs waren, ohne ihn zu sehen;
  • Veränderungen während der aktuellen Vergrämungsphase beobachten;
  • eine persönliche Einschätzung dazu haben, wie sich die Situation entwickelt hat.

Grindi-Wolf kann solche Erfahrungsberichte veröffentlichen.

Mit Namen ist eine persönliche Dokumentation stärker überprüfbar. Wer nicht öffentlich genannt werden möchte, kann seinen Bericht aber auch anonym veröffentlichen.

Sensible aktuelle Standortinformationen brauchen wir dafür nicht.

Ein dritter Weg: dokumentieren statt kontrollieren

Während der früheren Entnahmephase waren viele Menschen engagiert. Danach war für mich klar, dass wir für eine mögliche nächste Konfliktphase etwas anderes brauchen.

Daraus entstand Grindi-Wolf.

Nicht als klassische Pro-Wolf-Gruppe. Nicht als Gegenorganisation. Und auch nicht mit dem Anspruch, Entscheidungen kontrollieren zu können.

Sondern als öffentlich zugängliche Dokumentation.

Denn weder Behörden noch Naturschutzverbände noch Wolfschutzgruppen noch Grindi-Wolf sollten verlangen, dass Aussagen allein aufgrund ihrer Herkunft geglaubt werden.

Entscheidend sollte sein, wie gut eine Aussage dokumentiert und überprüfbar ist.

Vielleicht verändert das am Ende keine Entscheidung über den Hornisgrinde-Wolf.

Aber wir können dafür sorgen, dass Erfahrungen, Beobachtungen und offene Fragen nicht verschwinden.

Zwischen Geheimhaltung und Aktivismus gibt es einen dritten Weg: beobachten, dokumentieren, vergleichen und öffentlich nachvollziehbar machen.

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