Hornisgrinde-Wolf: Eine neue Bürgerinitiative trifft auf alte Konflikte – wie fragmentiert ist der Wolfschutz?

Am 18. September 2026 veranstaltet die Bürgerinitiative „Der Hornisgrinde Wolf soll leben“ eine Mahnwache in Bühl. Nach der Berichterstattung der BNN und öffentlichen Facebook-Beiträgen erscheinen dabei Begriffe wie „Gerechtigkeit“, „Symbol“ und „Widerstand“. Donald Pennet, Autor von Grindi-Wolf.de und seit der ersten Entnahmephase mit dem Fall GW2672m befasst, sieht Zeitpunkt, Sprache und Form dieser Mobilisierung kritisch.

1. Evidence Matrix: Was ist dokumentiert?

Stand: 16.09.2026

  • Initiative: Bürgerinitiative „Der Hornisgrinde Wolf soll leben“
  • Facebook: rund 45 Follower
  • Mahnwache: 18.09.2026, Kirchplatz Bühl
  • Medienbericht: BNN, 15.09.2026
  • BNN-Titel: „Neue Initiative in Bühl organisiert Mahnwache für den Hornisgrinde-Wolf“
  • Im Bild genannte Personen: Tanja Ball und Petra Schell
  • Politische Adressaten auf Facebook: Marion Gentges und Sarah Schweizer
  • Verwendete Begriffe: „Feuer frei“, „Gerechtigkeit“, „Artenschutz“, „Symbol“
  • Kommentar: Hornisgrinde-Wolf als Symbol des Schwarzwaldes und des „Widerstandes“
  • Aktuelle Entnahmegenehmigung: keine

Am 15. September veröffentlichte die BNN den Beitrag „Neue Initiative in Bühl organisiert Mahnwache für den Hornisgrinde-Wolf“ von Katrin König-Derki.

Der öffentlich sichtbare Vorspann lautet:

„Eine neue Initiative will eine weitere Abschussgenehmigung für den Wolf im Höhengebiet verhindern. Neben viel Zuspruch erfährt sie auch Anfeindungen.“

Bildunterschrift: Die BNN nennt Tanja Ball und Petra Schell im Zusammenhang mit der Bürgerinitiative. Als Anlass der Mahnwache wird eine möglicherweise künftig wieder drohende Abschussgenehmigung genannt.

Die Entstehung der Initiative und die Mahnwache werden auch auf Grindi-Wolf: Neue Bürgerinitiative und Mahnwache in Bühl dokumentiert.

Von Artenschutz zu „Widerstand“

Nach Erscheinen des BNN-Artikels wurde auf dem öffentlichen Facebook-Profil einer der abgebildeten Personen geschrieben:

„Feuer frei 🔥 wir sind da. Mit Öffentlichkeit.“

Im selben Beitrag werden Marion Gentges und Sarah Schweizer zum Dialog aufgefordert. Der Hornisgrinde-Wolf wird dabei als Symbol für „Gerechtigkeit und Artenschutz“ bezeichnet.

Ein Kommentar unter dem Beitrag geht noch weiter und beschreibt den Hornisgrinde-Wolf als Symbol des Schwarzwaldes, der Menschen und des „Wiederstandes“.

Die Schreibweise wird hier als wörtliches Zitat beibehalten.

Damit entsteht eine Governance-Frage, die über die Mahnwache selbst hinausgeht:

Wann wird aus dem Schutz eines konkreten Wildtiers politische Symbolisierung?

2. Structural Interpretation: Meine Erfahrung aus der ersten Entnahmephase

Ich bin Donald Pennet, Autor von Grindi-Wolf.de, und begleite den Fall des Hornisgrinde-Wolfs GW2672m seit der ersten Entnahmephase Anfang 2026.

Ich war bei der Mahnwache am Sand am 21. Februar dabei, habe während und nach der Entnahmephase viele Stunden im Gebiet verbracht und die damaligen Facebook-Gruppen unmittelbar verfolgt.

Deshalb sehe ich die jetzige Entwicklung nicht nur von außen.

Mir ist diese Sprache zu politisch

Begriffe wie „Feuer frei“, „Gerechtigkeit“, „Symbol“ und „Widerstand“ sind mir in diesem Zusammenhang zu konfrontativ und zu politisch.

Natürlich kann Grindi für einzelne Menschen oder innerhalb einer Community ein Symbol geworden sein.

Aber daraus folgt nicht, dass der Hornisgrinde-Wolf ein Symbol des Schwarzwaldes ist.

Dafür sehe ich keine Grundlage.

GW2672m ist zunächst ein wildlebender Wolf im Nordschwarzwald. Für mich sollte die Frage deshalb nicht lauten, wofür Menschen ihn symbolisch verwenden können, sondern wie eine dauerhafte Koexistenz mit ihm funktionieren kann.

Ich habe diese Dynamik bereits erlebt

Einige der heute wieder öffentlich auftretenden Personen waren bereits während der ersten Entnahmephase in Facebook-Gruppen aktiv.

In diesen Gruppen wurde auch dazu aufgerufen, nachts in das Gebiet zu gehen.

Nach der Mahnwache am Sand habe ich selbst erlebt, wie Gruppen mit Lampen in der Dunkelheit in den Wald gingen und sich teilweise laut durch das Gebiet bewegten.

Damals war auch ich wesentlich intensiver im Gelände unterwegs als heute. Meine eigene Sicht darauf hat sich verändert.

Ein Wolf lebt nicht isoliert.

Sein Lebensraum ist gleichzeitig Lebensraum vieler anderer Arten. Gerade in einem ökologisch sensiblen Gebiet mit störungsempfindlichen Arten wie dem Auerhuhn sehe ich nächtliche Gruppenaktivitäten deshalb kritisch.

Wolfsschutz sollte nicht selbst zusätzliche Störung erzeugen.

Die frühere öffentliche und mediale Entwicklung rund um den Hornisgrinde-Wolf ist im BNN-Grindi-Wolf-Archiv dokumentiert.

Ist September der richtige Zeitpunkt für eine Mahnwache?

Auch beim Zeitpunkt habe ich Zweifel.

Während der ersten Entnahmephase bestand eine konkrete Situation: Für GW2672m lag eine Entnahmegenehmigung vor.

Die heutige Situation ist eine andere.

Derzeit besteht keine neue Entnahmegenehmigung.

Gleichzeitig ist für Außenstehende nicht einmal eindeutig nachvollziehbar, welchen operativen Stand die angekündigte Vergrämung erreicht hat.

Zwischen

„eine erneute Entnahme könnte künftig wieder zum Thema werden“

und

„der Wolf darf jetzt entnommen werden“

liegt ein erheblicher Unterschied.

Deshalb halte ich eine emotional stark aufgeladene Mobilisierung bereits im September für verfrüht.

Sie könnte vor allem Menschen erreichen, die ohnehin bereits Teil derselben Community sind. Sollte später tatsächlich wieder eine konkrete Entnahmeentscheidung getroffen werden, könnten öffentliche Aufmerksamkeit und Engagement dann wesentlich wichtiger werden.

Das ist meine Einschätzung aus den Erfahrungen der ersten Entnahmephase – keine Prognose darüber, wie Behörden künftig entscheiden werden.

3. Operational Action Protocol: Koexistenz statt Symbolisierung

Aus den vergangenen Monaten habe ich eine andere Konsequenz gezogen.

Für mich ist wirksamer Wolfsschutz inzwischen wesentlich unspektakulärer:

  • auf den Wegen bleiben;
  • den Wolf nicht nachts suchen;
  • Abstand halten;
  • sensible Lebensräume respektieren;
  • Begegnungen sachlich dokumentieren;
  • Nicht-Sichtungen ebenso dokumentieren wie Sichtungen;
  • Herdenschutz und Wolfsverhalten beobachten;
  • behördliche Aussagen und Maßnahmen dokumentieren;
  • den Wolf nicht zum politischen Stellvertreter für andere Konflikte machen.

Gerade die Nullbeobachtung halte ich für wichtig.

Wenn Menschen regelmäßig durch das Gebiet gehen, ohne GW2672m zu sehen, gehört auch das zum Bild seiner Präsenz. Dasselbe gilt für Begegnungen, bei denen der Wolf einen Menschen wahrnimmt und sich anschließend entfernt.

Damit verschiebt sich die entscheidende Frage.

Nicht:

Wie mobilisieren wir möglichst viele Menschen für Grindi?

Sondern:

Wie können Menschen, Weidetiere, andere Wildtiere und ein Wolf denselben Landschaftsraum möglichst konfliktarm nutzen?

Das ist für mich Koexistenz.

Warum ich nicht zur Mahnwache in Bühl gehe

Der BNN-Artikel und die anschließende öffentliche Kommunikation haben meine Entscheidung geklärt.

Ich werde am 18. September nicht an der Mahnwache in Bühl teilnehmen.

Nicht weil ich meine Haltung zum Hornisgrinde-Wolf geändert hätte.

Sondern weil ich aus der ersten Entnahmephase andere Konsequenzen gezogen habe.

Ich möchte nicht, dass GW2672m zunehmend zum politischen Symbol wird. Und ich möchte keine Wiederholung einer Dynamik, bei der der Wunsch, einen Wolf zu schützen, zusätzliche menschliche Aktivität in seinen Lebensraum bringt.

Andere Menschen können diese Entwicklung anders beurteilen und selbstverständlich an der Mahnwache teilnehmen.

Meine Schlussfolgerung ist eine andere:

Der Hornisgrinde-Wolf braucht aus meiner Sicht weniger Symbolisierung und mehr Koexistenz. Manchmal bedeutet Wolfsschutz schlicht, den Wolf in Ruhe zu lassen.

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