Grindi-Wolf: Was könnte ein Runder Tisch zu Grindi erreichen?
Die jüngsten Presseberichte zum Hornisgrinde-Wolf GW2672m („Grindi“) zeigen: Die Situation könnte erneut eskalieren. Gleichzeitig gibt es weiterhin erhebliche offene Fragen zu Vergrämung, Hard Release, Tierwohl und einem möglichen späteren Abschuss.
Ein Runder Tisch könnte jetzt Nationalpark, Behörden, Fachleute, Tier- und Naturschutz sowie Vertreter der Region zusammenbringen – nicht um über „Wolf ja oder nein“ zu diskutieren, sondern um Transparenz herzustellen und eine weitere Eskalation möglichst zu vermeiden.
Grindi-Wolf GW2672m, Nationalpark Schwarzwald, Vergrämung, Hard Release und möglicher Abschuss hängen inzwischen unmittelbar zusammen. Gerade deshalb braucht es einen nachvollziehbaren Dialog darüber, welche Maßnahmen tatsächlich geplant sind, auf welcher fachlichen Grundlage sie beruhen und welche Alternativen bestehen.
Grindi vor einem neuen Entscheidungspunkt: Was die Aussagen aus dem Nationalpark zeigen
Ein aktueller Bericht des SÜDKURIER über Grindi und die geplante Vergrämung macht deutlich, wie komplex die Situation inzwischen geworden ist.
Anette Burkholder aus der Besucherinformation des Nationalparks wird gefragt, ob Besucher Grindi gesehen hätten:
„Ja, natürlich […] Regelmäßig.“
Das ist bemerkenswert. Begegnungen mit Grindi sind offenbar kein außergewöhnliches Einzelereignis mehr, sondern gehören zumindest aus Sicht der Besucherinformation inzwischen regelmäßig zum Thema.
Gleichzeitig beschreibt Rangerin Milena Kreiling, wie unterschiedlich Besucher auf die Situation reagieren:
„Es kommen Urlauber, die teilweise noch gar nichts mitbekommen haben, und Einheimische, die meistens eher für den Wolf sind.“
Sie berichtet zugleich von kritischen Fragen, warum der Wolf im Nationalpark abgeschossen werden solle. Damit wird sichtbar, dass die Diskussion längst nicht mehr nur fachlich geführt wird. Der mögliche Abschuss ist auch bei Besuchern und in der Region angekommen.
Noch deutlicher ist eine Aussage von Ranger Urs Reif. Im Zusammenhang mit Monitoring und Vergrämung sagt er:
„Wenn die Vergrämung verhindert wird, kann man sich ausrechnen, was das im Winter bedeutet.“
Der Satz lässt offen, was genau im Winter geschehen würde. Im Kontext des Artikels ist die Richtung jedoch deutlich: Die Vergrämung wird als Möglichkeit dargestellt, einen späteren Abschuss zu verhindern.
Genau an diesem Punkt wäre mehr Transparenz wichtig.
Hard Release: Spätestens jetzt braucht es eine offene fachliche Diskussion
Der SÜDKURIER nennt neben Lärm, Gummigeschossen und Paintball-Beschuss ausdrücklich auch einen Hard Release als mögliches letztes Mittel.
Dabei würde Grindi zunächst eingefangen und in einer blickdichten Transportbox Stress ausgesetzt. Anschließend würde die Box geöffnet und der Wolf unter weiterem Lärm zur Flucht gebracht. Der Artikel selbst bezeichnet die Methode als „umstritten“. Das Agrarministerium erklärt zugleich, konkrete weitere Versuche würden derzeit noch erarbeitet.
Damit stellen sich neue Fragen.
Was genau wird erwogen? Welche wissenschaftliche Evidenz gibt es für eine solche Maßnahme bei einem adulten Wolf? Welche Belastung wäre damit für das Tier verbunden? Welche Kriterien würden über Erfolg oder Misserfolg entscheiden?
Tier- und Wolfsexperten haben stark aversive Methoden aus Tierwohlperspektive kritisiert; teilweise wird dabei auch der Begriff Tierquälerei verwendet. Gerade eine solche Bewertung sollte jedoch nicht über Schlagworte entschieden werden, sondern fachlich und transparent diskutiert werden.
Ein Runder Tisch könnte die offene Lücke schließen
Ein Runder Tisch sollte nicht darüber abstimmen, wer für oder gegen Grindi ist.
Seine Aufgabe wäre konkret:
- einen gemeinsamen, überprüfbaren Informationsstand herstellen,
- geplante Maßnahmen und ihre fachliche Grundlage erklären,
- Vergrämung und einen möglichen Hard Release fachlich und unter Tierwohlaspekten bewerten,
- Verantwortlichkeiten zwischen Nationalpark, FVA und Ministerien klären,
- unterschiedliche fachliche Einschätzungen dokumentieren,
- Alternativen und Möglichkeiten zur Deeskalation prüfen.
Wer sollte teilnehmen?
An den Tisch gehören diejenigen, die entscheiden, diejenigen mit fachlicher Kompetenz und diejenigen, die von den Entscheidungen betroffen sind:
Nationalpark Schwarzwald und zuständige Ministerien, FVA und unabhängige Wolfsexperten, unabhängige Tierwohl- und Tierschutzexperten, Naturschutz- und Wolfsschutzorganisationen, Vertreter der Region und betroffener Gruppen sowie zivilgesellschaftliche und lokale Initiativen.
Entscheidend wäre eine unabhängige Moderation.
Transparenz bedeutet auch Dokumentation
Die zentralen Fragen sollten vorab veröffentlicht und die Ergebnisse anschließend dokumentiert werden:
Was wissen wir? Was wissen wir nicht? Was ist tatsächlich geplant? Welche Alternativen gibt es? Wo besteht fachlicher Konsens – und wo nicht?
Damit würde aus einem Runden Tisch mehr als ein Gespräch hinter verschlossenen Türen.
Ein Runder Tisch wäre jetzt ein konkretes Angebot zur Deeskalation
Die Situation um Grindi muss nicht weiter eskalieren.
Gerade nachdem öffentlich über einen möglichen Hard Release gesprochen wird und gleichzeitig ein späterer Abschuss weiterhin im Raum steht, wäre jetzt der Zeitpunkt, unterschiedliche Seiten an einen Tisch zu bringen.
Ein Runder Tisch garantiert keine Einigung. Aber er könnte Transparenz schaffen, fachliche Fragen klären und vielleicht verhindern, dass sich die Situation weiter zuspitzt.
Wird das Angebot angenommen, entsteht die Chance auf einen nachvollziehbaren Dialog. Wird es abgelehnt, ist zumindest dokumentiert, dass ein konkreter Weg zur Deeskalation angeboten wurde.
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