Grindi Wolf Schwarzwald – GW2672m einfach erklärt

Vergrämung des Hornisgrinde-Wolfs: Wann ist sie erfolgreich – und wann gescheitert?

Beim Hornisgrinde-Wolf GW2672m, genannt „Grindi", wird die politische Entscheidung oft als einfache Abfolge dargestellt: Vergrämung – und wenn diese nicht funktioniert, Entnahme.

Doch zwischen beiden Punkten liegt ein komplexer Prozess. Der Wolf muss gefunden werden. Der negative Reiz muss in einer konkreten Situation gesetzt werden. Der Wolf muss ihn mit einem bestimmten Verhalten verknüpfen. Anschließend müsste eine Verhaltensänderung beobachtet und bewertet werden.

Erst danach ließe sich überhaupt feststellen, ob die Vergrämung erfolgreich war oder gescheitert ist.

Genau hier liegt die bislang kaum beantwortete Frage: Nach welchen Kriterien soll dieser Erfolg beim Hornisgrinde-Wolf gemessen werden?

Vergrämung ist kein einzelnes Ereignis

Das BfN-Skript 502 „Konzept zum Umgang mit Wölfen, die sich Menschen gegenüber auffällig verhalten" beschreibt Vergrämung als negative Konditionierung. Dafür reicht es nicht, einen Wolf einmal zu vertreiben – das Tier muss erkennen können, wofür es den negativen Reiz erhält. (Bundesamt für Naturschutz)

Besonders relevant für Grindi: Nach dem BfN-Konzept ist eine Vergrämung eher durchführbar, wenn sich ein Wolf in einem relativ kleinen Gebiet aufhält und Menschen auf weniger als 30 Meter herankommen lässt – oder vorhersehbar an bestimmte Orte zurückkehrt. Bewegt sich ein Wolf dagegen über ein großes Gebiet, beschreibt das BfN die rechtzeitige Durchführung als nahezu unmöglich: Oft ist der Wolf bereits verschwunden, bevor das Team eintrifft. (BfN-e-dition)

Wie soll die Vergrämung praktisch stattfinden, wenn diese Situation nicht zuverlässig hergestellt werden kann?

Wie findet man Grindi überhaupt?

Ein Wolf wartet nicht auf ein Vergrämungsteam. Zwischen Sichtung, Meldung und Eintreffen des Teams vergeht Zeit. Ist der Wolf inzwischen weg, gibt es nichts zu vergrämen – kein Nebenproblem, sondern eine Voraussetzung der gesamten Maßnahme.

Offene Fragen: Soll gezielt auf Grindi gewartet werden? An welchen Orten? Welche Distanz ist nötig, welche Mittel, wie oft? Welche Rolle spielen Personen, Fahrzeuge, Hunde? Denn Vergrämung besteht nicht abstrakt aus „Mensch + Wolf + Reiz" – sie findet immer in einer konkreten Situation statt.

Was soll der Wolf mit dem Reiz verbinden?

Eine 2017 veröffentlichte Untersuchung am Wolf Science Center zeigte: Zwölf an Menschen gewöhnte Wölfe nutzten kausale Hinweise bei der Futtersuche besser als 14 verglichene Hunde – wobei die Forschenden selbst auf mögliche Nebenfaktoren wie Ausdauer und Explorationsbereitschaft hinweisen. (Max-Planck-Gesellschaft)

Daraus folgt nicht, ob eine Vergrämung bei Grindi funktioniert. Aber sie führt zur entscheidenden Frage: Welche Ursache soll der Wolf mit dem negativen Erlebnis verbinden?

Gewünscht wäre: Nähe zum Menschen → negativer Reiz → künftiges Meiden. Ob genau diese Verknüpfung entsteht, ist offen – der Wolf könnte den Reiz stattdessen mit Ort, Person, Geräusch oder Fahrzeug verbinden. Das BfN benennt dieses Problem selbst: Der Wolf könne die negative Erfahrung sowohl mit Menschen als auch mit dem Ort verbinden; er müsse erkennen können, wofür er „bestraft" wird. (BfN-e-dition)

Verhaltensänderung ist nicht automatisch Erfolg

Angenommen, Grindi zieht sich zurück – was ist damit bewiesen? Zunächst nur, dass er auf diese eine Situation reagiert hat. Entscheidend ist, was danach kommt: Meidet er Menschen generell, nur den Ort, nur bestimmte Personen? Hat sich sein Verhalten dauerhaft verändert?

Das BfN weist ausdrücklich darauf hin, dass einmaliges Vertreiben noch keine negative Konditionierung darstellt. (gzsdw.de) Deshalb müsste vor Beginn definiert werden, welche beobachtbare Veränderung als Erfolg gilt.

Das schwierigste Szenario: Grindi erscheint nicht mehr

Angenommen, nach einer Vergrämung bleibt eine dokumentierte Begegnung längere Zeit aus. Das könnte heißen:

A: Grindi meidet Menschen jetzt stärker. B: Er nutzt vorübergehend andere Bereiche. C: Er war da, wurde aber nicht beobachtet. D: Seine Bewegungsmuster haben sich unabhängig von der Vergrämung verändert. E: Er entzieht sich bestimmten Situationen früher.

Das beobachtbare Ergebnis wäre in allen Fällen dasselbe: der Wolf erscheint nicht. Die Ursache wäre grundverschieden.

Kann die Abwesenheit einer Beobachtung als Erfolg gewertet werden – und wie wird ausgeschlossen, dass lediglich der Nachweis fehlt?

Und was wäre dann ein Misserfolg?

Ebenso wichtig ist die umgekehrte Frage. Wenn eine erfolglose Vergrämung Voraussetzung für weitere Maßnahmen bis zur Entnahme wird, darf „Misserfolg" kein unscharfer Begriff bleiben.

Das BfN formuliert für bestimmte Verhaltensweisen eine Entnahme, wenn negative Konditionierung nicht erfolgreich ist; ein späterer BfN-Pressehintergrund nennt eine letale Entnahme empfehlenswert, wenn eine Situation trotz fachgerecht ausgeführter Vergrämung fortbesteht. (Bundesamt für Naturschutz)

Damit werden zwei Begriffe entscheidend: Was bedeutet „fachgerecht ausgeführt"? Was bedeutet „Situation besteht weiterhin"? Gerade bei Grindi müssten diese Kriterien vor der Durchführung feststehen – nicht erst danach.

Aus einer politischen Entscheidung wird eine lange Kausalkette

Politisch klingt es einfach: Vergrämung → Erfolg oder Misserfolg → weitere Entscheidung.

Operativ sieht es anders aus: Wolf finden → Situation herstellen → Reiz setzen → richtige Verknüpfung erreichen → Verhalten beobachten → Veränderung kausal zuordnen → Erfolg oder Misserfolg feststellen.

Jedes Glied trägt eigene Unsicherheiten. Nicht die politische Entscheidung allein bestimmt, ob Vergrämung funktioniert – dazwischen liegen Biologie, Verhalten, Logistik, Beobachtung und Interpretation.

Beim Hornisgrinde-Wolf fehlt vor allem eine Definition

Die entscheidende Frage lautet nicht: Funktioniert Vergrämung grundsätzlich? Dafür ist die wissenschaftliche Grundlage ohnehin begrenzt – das BfN-Skript 502 weist darauf hin, dass zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung keine publizierten Studien zur Wirksamkeit von Vergrämungsmaßnahmen bei Wölfen vorlagen. (Wolfcenter)

Für Grindi lautet die präzisere Frage:

Wie soll festgestellt werden, dass diese konkrete Vergrämung bei diesem konkreten Wolf erfolgreich oder gescheitert ist?

Dafür braucht es mindestens eine Definition des Zielverhaltens, der Durchführung, des Beobachtungszeitraums und der Erfolgskriterien. Erst dann wird aus der politischen Formel „Vergrämung oder Entnahme" ein überprüfbarer Managementprozess.

Andernfalls bleibt ein grundlegendes Problem: Eine Maßnahme wird angekündigt, deren Ergebnis später bewertet werden soll, ohne dass öffentlich erkennbar ist, nach welchem Maßstab Erfolg und Misserfolg unterschieden werden.

Und genau diese Definition ist beim Hornisgrinde-Wolf wichtiger als die nächste politische Ankündigung.

Warum Grindi überhaupt zu finden schon die erste Hürde der Vergrämung ist.

Was der Wolf mit dem negativen Reiz verknüpfen soll – und was schiefgehen kann.

Erfolg oder Misserfolg: Welche Kriterien beim Hornisgrinde-Wolf bislang fehlen.

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