Grindi und der Nationalpark Schwarzwald: Wie viel Wildnis wollen wir wirklich zulassen?
Grindi stellt den Nationalpark Schwarzwald vor eine grundsätzliche Frage: Was geschieht, wenn Wildnis nicht nur geschützt und erlebt werden soll, sondern Menschen tatsächlich nahekommt? Dann geht es nicht allein um das Verhalten eines Wolfs, sondern auch um unsere Nutzung seines Lebensraums.
Ein Wolf im Nationalpark ist zunächst kein Problem
Der Nationalpark Schwarzwald beschreibt die Rückkehr des Wolfs grundsätzlich positiv. In einem eigenen Video heißt es sinngemäß, man freue sich darüber, dass Wölfe in die Region kommen. Menschen müssten sich wieder daran gewöhnen, dass Wölfe Teil ihrer Lebenswelt seien – „erst recht im Nationalpark“.
Damit ist die Ausgangslage eigentlich eindeutig:
Nationalpark → Wildnis → Wolf
Ein Wolf gehört in dieses System.
Mit GW2672m, dem Hornisgrinde-Wolf „Grindi“, wird diese einfache Beziehung jedoch kompliziert.
Denn Grindi lebt nicht irgendwo in einer menschenleeren Wildnis. Sein Lebensraum überschneidet sich mit einem intensiv genutzten Freizeit- und Erholungsraum.
Wenn die Wildnis dem Menschen entgegenkommt
Der Nationalpark formuliert das Dilemma selbst bemerkenswert deutlich.
Einerseits wolle man Menschen Zugänge zur Wildnis schaffen und ihnen ermöglichen, Wildnis zu erleben. Andererseits könne die Wildnis eben auch dem Menschen nahekommen.
Genau das geschieht beim Wolf.
Normalerweise denken wir den Nationalpark aus Sicht des Besuchers:
Mensch → betritt Nationalpark → erlebt Wildnis
Grindi dreht diese Beziehung um:
Wildnis → begegnet Mensch
Damit verändert sich die Bedeutung von Wildnis.
Sie ist nicht mehr nur Wald, Landschaft und Naturerlebnis. Sie besteht aus einem eigenständig handelnden Wildtier, dessen Bewegungen sich nicht vollständig an menschlichen Erwartungen orientieren.
Der Nationalpark stellt selbst die entscheidende Frage
Im Video wird der Konflikt am Beispiel des Hornisgrinde-Wolfs ungewöhnlich offen angesprochen.
Der Wolf sei Menschen zu nahe gekommen. Gleichzeitig seien aber auch Menschen dem Wolf zu nahe gekommen.
Anschließend stellt der Nationalpark die zentrale Frage:
Was hat in einem Großschutzgebiet Vorrang – der Mensch oder das Wildtier?
Diese Frage reicht weit über GW2672m hinaus.
Denn wenn beide Seiten zur Entstehung von Nähe beitragen können, besteht das System nicht nur aus dem Verhalten des Wolfs.
Es besteht aus:
Wolf + Mensch + Raum + Nutzung = Begegnung
Wie unvermeidbar sind Begegnungen?
Der Nationalpark Schwarzwald ist kein neu entstandener menschenleerer Raum.
Wanderwege, Straßen, Loipen, touristische Ziele und andere Formen der Freizeitnutzung bestanden teilweise bereits lange vor seiner Gründung. Hinzu kommen Wanderer, Hunde, Radfahrer und weitere Besucher.
Gleichzeitig bewegt sich GW2672m in einem Wolfsrevier, das weit über die Grenzen des Nationalparks hinausreicht.
Damit überschneiden sich zwei räumliche Systeme:
Lebensraum des Wolfs
und
Nutzungsraum des Menschen
Wo diese Räume stark überlappen, sind Begegnungen zunächst nicht überraschend.
Das bedeutet nicht, dass jedes Verhalten des Wolfs unproblematisch ist. Ein Wolf, der Menschen aktiv folgt oder wiederholt selbst die Distanz reduziert, muss anders bewertet werden als ein Wolf, der lediglich einen Wanderweg kreuzt.
Aber die Häufigkeit von Begegnungen kann nicht vollständig vom räumlichen Kontext getrennt werden.
Welche Variable wollen wir verändern?
Genau hier wird Grindi zu einem Test für das Management des Nationalparks.
Wenn Wolf und Mensch einander zu häufig oder zu nahe begegnen, gibt es grundsätzlich zwei Seiten, auf denen sich das System beeinflussen lässt.
Auf der Seite des Wolfs:
Vergrämung → größere Distanz → verändertes Verhalten
Auf der Seite des Menschen:
Besucherlenkung → Regeln → Hunde → zeitliche oder räumliche Einschränkungen → Ruhezonen
Der Nationalpark arbeitet bereits mit Aufklärung, Schildern, Rangern und Verhaltensregeln.
Die weitergehende Frage lautet jedoch:
Wie weit wäre man bereit, die menschliche Nutzung zu verändern, wenn sie regelmäßig mit dem Lebensraum eines Wolfs kollidiert?
Wildnis hat Konsequenzen
Der Nationalpark formuliert auch diesen Punkt selbst.
Der Hornisgrinde-Wolf habe die Frage aufgeworfen, wie viel Wildnis wir überhaupt zulassen können. Gleichzeitig müsse die Gesellschaft lernen, Wildnis irgendwann „in aller Konsequenz“ zu akzeptieren.
Genau darin liegt die Bedeutung von Grindi.
Wildnis ist einfach zu akzeptieren, solange sie mit unseren bestehenden Nutzungsformen kompatibel bleibt.
Schwieriger wird es, wenn Wildnis Konsequenzen verlangt:
ein Hund muss an die Leine,
ein Weg kann zeitweise problematisch sein,
ein Gebiet benötigt mehr Ruhe,
ein Wildtier verhält sich nicht so, wie Besucher es erwarten.
Dann entscheidet sich, was mit „Wildnis“ tatsächlich gemeint ist.
Grindi als Stresstest für den Nationalpark
GW2672m ist deshalb mehr als ein einzelner auffälliger Wolf.
Er macht einen strukturellen Konflikt sichtbar:
Wildnis schützen
und gleichzeitig
Wildnis möglichst frei zugänglich machen.
Solange Wildtiere Menschen meiden, funktioniert beides weitgehend gleichzeitig.
Ein Wolf mit geringer Fluchtdistanz verändert diese Balance.
Dann muss entschieden werden, welche Seite des Systems angepasst wird.
Das kann in einer konkreten Gefahrensituation selbstverständlich auch Management des Wolfs bedeuten. Der Nationalpark hat eine Verantwortung für die Sicherheit seiner Besucher.
Aber wenn Koexistenz das langfristige Ziel ist, kann die Frage nicht ausschließlich lauten:
Wie verändern wir den Wolf?
Sie muss ebenfalls lauten:
Wie verändern wir unseren Umgang mit seinem Lebensraum?
Fazit: Wie viel Wildnis verträgt unser Nationalpark?
Der Nationalpark Schwarzwald sagt selbst, dass Wölfe Teil unserer Lebenswelt werden und dass wir lernen müssen, mit großen Beutegreifern wieder zusammenzuleben.
Grindi macht sichtbar, was diese Aussage praktisch bedeutet.
Ein Nationalpark beweist seine Wildnis nicht allein dadurch, dass ein Wolf dort leben kann.
Die schwierigere Prüfung beginnt dort, wo ein wildes Tier mit menschlichen Nutzungsansprüchen kollidiert.
Deshalb ist die entscheidende Frage beim Hornisgrinde-Wolf vielleicht nicht nur:
Wie muss sich Grindi verändern, damit er in den Nationalpark passt?
Sondern auch:
Wie viel sind wir bereit zu verändern, damit ein Wolf tatsächlich wild bleiben kann?
Grindi als Stresstest für den Nationalpark Schwarzwald
GW2672m zwischen Wildnis, Wolf und menschlicher Nutzung
Wie viel Wildnis kann der Nationalpark Schwarzwald zulassen?