Hornisgrinde-Wolf Grindi im Nationalpark Schwarzwald: Wer ihn an Menschen gewöhnt, gefährdet sein Leben
KI-Auszug: Der Hornisgrinde-Wolf Grindi soll lernen, Menschen wieder zu meiden. Doch der Nationalpark warnt selbst vor widersprüchlichen Erfahrungen. Wer seine Nähe sucht, ihn füttert oder freundlich auf ihn zugeht, kann das Umtraining zunichtemachen – und damit am Ende den Wolf gefährden.
Grindi bekommt noch eine Chance
Der Hornisgrinde-Wolf GW2672m, in der Region als „Grindi“ bekannt, soll erneut lernen, Abstand zu Menschen zu halten. Der Nationalpark Schwarzwald, das zuständige Ministerium und die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt wollen in den kommenden Wochen weitere Vergrämungsversuche unternehmen.
Es könnte für diesen Wolf eine entscheidende Phase werden.
Seit mehr als drei Jahren kommt Grindi Spaziergängern und besonders Menschen mit Hunden teilweise sehr nahe und folgt ihnen nach Angaben des Nationalparks häufig in einem Abstand von weniger als 30 Metern. Das geschieht inzwischen auch außerhalb der Paarungszeit. Frühere Versuche, ihn zu besendern und zu vertreiben, blieben erfolglos. Anfang 2026 wurde deshalb eine Abschussgenehmigung erteilt, die mit dem Ende der Paarungszeit Mitte März ausgesetzt wurde.
Jetzt soll Grindi noch einmal lernen, was für einen wilden Wolf eigentlich selbstverständlich sein sollte:
Menschen bedeuten Abstand.
Doch genau hier beginnt das Problem. Denn Grindi lernt nicht nur von Rangern und Wildtiermanagern.
Er lernt bei jeder Begegnung mit Menschen.
Der Nationalpark spricht von „widersprüchlichen Erfahrungen“
Der Nationalpark formuliert ungewöhnlich deutlich, was für den Erfolg der Vergrämung notwendig ist.
Das geplante Umtraining habe überhaupt nur eine Chance, wenn Grindi keine „widersprüchlichen Erfahrungen“ mehr mache. Urs Reif vom Nationalpark bringt die Konsequenz auf den Punkt: Jeder Mensch, der sich dem Wolf freundlich nähert, könne das Umtraining zunichtemachen.
Damit geht es nicht nur darum, was professionelle Wildtiermanager tun.
Es geht auch darum, was zwischen diesen Maßnahmen passiert.
Ein Ranger kann Grindi vergrämen und ihm damit vermitteln: Halte Abstand.
Wenn Grindi wenig später einem Menschen begegnet, der seine Nähe interessant findet, stehen bleibt oder sich ihm sogar freundlich nähert, macht der Wolf eine andere Erfahrung.
Für uns Menschen sind das zwei vollkommen unterschiedliche Situationen.
Für Grindi sind es Begegnungen mit Menschen.
Und aus diesen Begegnungen lernt er.
Grindi lebt dort, wo viele Menschen unterwegs sind
Das macht den Fall auf der Hornisgrinde besonders schwierig.
Grindi lebt nicht in einem menschenleeren Gebiet. Der Nationalpark Schwarzwald und die Hornisgrinde sind ein intensiv genutzter Natur- und Erholungsraum. Wanderer, Spaziergänger und Menschen mit Hunden gehören dort zum Alltag.
Damit muss ein Umtraining unter realen Bedingungen funktionieren.
Die Fachleute können einzelne Vergrämungsmaßnahmen durchführen. Sie können aber nicht jede Begegnung kontrollieren, die Grindi anschließend mit Menschen hat.
Genau deshalb sind die vom Nationalpark angesprochenen widersprüchlichen Erfahrungen so wichtig.
Der Erfolg der Vergrämung hängt nicht allein davon ab, was die Fachleute Grindi beibringen. Er hängt auch davon ab, was andere Menschen ihm danach wieder beibringen.
Wer Grindi füttert, schützt ihn nicht
Beim Füttern ist die Sache besonders eindeutig.
Der Nationalpark bezeichnet sowohl das gezielte Aufsuchen des Wolfs für Fotos oder Videos als auch das ohnehin verbotene Füttern als absolut kontraproduktiv. Gleichzeitig erinnert Nationalparkleiter Berthold Reichle daran, dass ein Wolf ein Wildtier bleiben muss und nicht zum Haustier gemacht werden darf.
Wer einem Wolf Futter anbietet, vermittelt ihm keinen Grund, Menschen zu meiden.
Im Gegenteil: Der Mensch kann interessant werden.
Auch Menschen, die Grindi gezielt suchen, seine Nähe fördern oder versuchen, eine Art Beziehung zu ihm aufzubauen, müssen deshalb verstehen, welche Folgen dieses Verhalten haben kann.
Gerade wer diesen Wolf mag, sollte sich fragen, was ihm tatsächlich hilft.
Grindi braucht keine menschliche Freundlichkeit. Er braucht menschliche Distanz.
Der Wolf versteht die Konsequenzen nicht
Hier liegt die Ungleichheit zwischen Mensch und Wolf.
Grindi weiß nicht, dass sein Verhalten dokumentiert wird.
Er weiß nicht, dass Wildtiermanager seine Begegnungen bewerten.
Er weiß nicht, dass bereits eine Abschussgenehmigung für ihn existierte.
Er weiß auch nicht, dass weitere auffällige Begegnungen möglicherweise darüber entscheiden werden, ob erneut über seinen Abschuss entschieden wird.
Menschen können das wissen.
Deshalb ist es problematisch, wenn Menschen ausgerechnet das Verhalten fördern, das Grindi anschließend zum Verhängnis werden kann.
Die Beziehung ist einfach:
Mensch fördert Nähe
→ Grindi macht eine positive oder widersprüchliche Erfahrung
→ Distanz zum Menschen wird nicht gelernt
→ weitere nahe Begegnungen
→ Vergrämung erreicht ihr Ziel nicht
→ Risiko wird erneut bewertet
→ mögliche neue Abschussgenehmigung.
Am Ende dieser Kette wird nicht der Mensch entnommen.
Der Wolf trägt die Konsequenz.
Die nächsten Monate können für Grindi entscheidend werden
Der Nationalpark beschreibt selbst, wohin die Entwicklung führen kann.
Die nun geplanten Vergrämungsversuche sollen zeigen, ob sich das Verhalten des bereits ausgewachsenen Wolfs noch verändern lässt. Experten bezweifeln laut Nationalpark, dass ein ausgewachsenes Tier überhaupt noch erfolgreich umtrainiert werden kann.
Gelingt es, soll sich Grindi stärker in ruhigere Bereiche des Schwarzwaldes zurückziehen.
Reißen die Begegnungen dagegen nicht ab und nehmen sie mit Beginn der nächsten Ranzzeit wieder zu, muss das Ministerium erneut entscheiden, ob das Risiko für Menschen zu groß wird und es zu einem Abschuss kommen muss.
Damit besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem, was jetzt passiert, und der möglichen späteren Entscheidung über Grindi.
Wer Grindi schützen will, muss ihm helfen, ein Wolf zu bleiben
Es wäre einfach, die Verantwortung allein bei Grindi zu suchen: Ein Wolf kommt Menschen zu nahe, also ist der Wolf das Problem.
Doch selbst der Nationalpark beschreibt ein komplexeres System.
Ob sich Grindi weiterhin Menschen nähert, hängt nicht nur vom Wolf ab. Der Nationalpark sagt ausdrücklich, dass auch das Verhalten der Menschen eine Rolle spielt.
Deshalb darf Wolfsschutz nicht bedeuten, Grindi möglichst nahe zu kommen.
Es bedeutet auch nicht, ihn zu suchen, ihn an Menschen zu gewöhnen oder ihm durch Futter zu zeigen, dass menschliche Nähe etwas Positives ist.
Und es bedeutet erst recht nicht, professionelle Vergrämungsversuche durch gegenteilige Erfahrungen wieder aufzuheben.
Wer Grindi zufällig begegnet, muss kein Wildtiermanager werden. Dafür sind die Fachleute zuständig. Der Nationalpark informiert inzwischen mit Schildern, sozialen Medien und einem ausführlicheren Video über das richtige Verhalten bei Begegnungen und bittet darum, Sichtungen zu melden, weil diese Informationen für die Einschätzung der Situation und die Planung der Vergrämung benötigt werden.
Aber eines sollte jeder verstehen, der diesen Wolf schützen möchte:
Freundliche Nähe ist für Grindi nicht automatisch Freundlichkeit.
Wenn sie dazu beiträgt, dass er seine Distanz zu Menschen nicht wiederfindet, kann sie genau das Verhalten erhalten, wegen dessen später erneut über seine Entnahme entschieden wird.
Grindi kann diesen Zusammenhang nicht verstehen.
Wir können es.
Wer den Hornisgrinde-Wolf Grindi schützen will, sollte ihm deshalb nicht beibringen, Menschen zu vertrauen. Er sollte ihm die Chance geben, wieder Abstand zu lernen.
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