10. Mai 2026

Hornisgrinde-Wolf nach der aufgehobenen Entnahmegenehmigung · Kahu, Sozial Walking und die Bedeutung kontinuierlicher Präsenz im Landschaftsraum

Die Entnahmegenehmigung für den Hornisgrinde-Wolf wurde aufgehoben — doch die strukturelle Situation bleibt bestehen. Sozial Walking und Kahu setzen deshalb nicht auf Eskalation, sondern auf ruhige Präsenz, Landschaftslesen und langfristige Sensibilisierung im Raum Hornisgrinde, Mummelsee und Nordschwarzwald.

Entnahme aufgehoben · das Grundproblem bleibt bestehen

Am 10. März wurde die Entnahmegenehmigung für den Hornisgrinde-Wolf aufgehoben.
Für viele Menschen war dies eine große Erleichterung.

Doch gleichzeitig blieb die grundlegende Situation bestehen:
Der Wolf wird weiterhin als „problematisch“ eingestuft. Sollte sich bestimmtes Verhalten wiederholen, erscheint eine neue Entnahmegenehmigung möglich.

Oft höre ich den Satz:
„Wenn es wieder passiert, sind wir bereit.“

Manche Menschen planen offenbar bereits ihren Urlaub rund um eine mögliche neue Entnahmephase.

Genau hier stellt sich jedoch eine andere Frage:

Muss es überhaupt so weit kommen?

Kahu statt Eskalation

Ich glaube, dass sich eine zweite Entnahmephase möglicherweise verhindern lässt — nicht durch Konfrontation oder Aktivismus, sondern durch kontinuierliche menschliche Präsenz im Gebiet.

Seit dem Ende der Entnahmephase hat sich die Situation im Raum Hornisgrinde weiter verändert:

  • Kameras wurden an neuen Positionen installiert
  • Bereiche wurden gesperrt
  • einzelne Personen betreten Sperrzonen mit Hunden
  • Behörden und Ministerium bleiben aktiv

Doch auch wir als private Bürger können Verantwortung übernehmen.

Nicht indem wir eingreifen oder kontrollieren, sondern indem wir präsent bleiben.

Hier beginnt für mich Kahu.

Kahu bedeutet nicht Dominanz über die Landschaft, sondern achtsame Präsenz innerhalb der Landschaft. Wahrnehmen statt beherrschen. Beobachten statt eskalieren.

Wenn Menschen regelmäßig die offiziellen Wege nutzen, ruhig unterwegs sind und aufmerksam beobachten, verändert sich mit der Zeit die Dynamik des Gebietes.

Der Wolf lernt:
Menschliche Präsenz ist sichtbar, dauerhaft und nicht ignorierbar.

So entsteht eine Form passiver Vergrämung — nicht aggressiv, sondern durch kontinuierliche Anwesenheit im Raum.

Hunde, Präsenz und passive Vergrämung

Rückblickend halte ich die starke Ablehnung von Hunden während der Entnahmephase teilweise für problematisch.

Hunde in Begleitung ruhiger und kontrollierter Menschen gehören historisch zu den wirksamsten Formen menschlicher Präsenz im Landschaftsraum.

Dabei geht es nicht um Jagd oder Verfolgung, sondern um Klarheit:
Der Wolf soll lernen, dass Nähe zum Menschen kein komfortabler Zustand ist.

Kommt es zu einer Begegnung:

  • ruhig bleiben
  • sichtbar machen
  • gestikulieren
  • laut sprechen oder rufen
  • Distanz wahren

Auch das gehört zu Kahu:
ruhige, klare Präsenz ohne Hysterie.

Landschaft lesen lernen

Ein weiterer wichtiger Punkt entsteht fast automatisch, wenn Menschen dieselben Wege regelmäßig gehen.

Man beginnt mehr wahrzunehmen.

Veränderungen im Gelände fallen auf:

  • neue Wildspuren
  • Bewegungsmuster
  • Veränderungen durch Forstwirtschaft
  • Wildwechsel
  • Wasserstellen
  • Übergänge zwischen Wald und Offenflächen

Mit der Zeit entsteht ein Gefühl für die Landschaft.

Kahu bedeutet auch:
die Landschaft lesen zu lernen.

Der Wolf denkt räumlich

Auch wenn viele Menschen Jäger kritisch sehen:
Der Wolf nutzt die Landschaft oft ähnlich wie ein erfahrener Jäger.

Wildkorridore, Deckung, Wasser, Ruhebereiche und Übergänge strukturieren seine Bewegungen.

Wer beginnt, diese räumliche Logik zu verstehen, versteht auch den Wolf besser.

Gerade deshalb kann kontinuierliche Präsenz wichtig werden:
Nicht als Kontrolle des Wolfs,
sondern als Aufbau von Koexistenz-Kompetenz im Landschaftsraum.

Sozial Walking als kontinuierliche Aufmerksamkeit

Wir müssen hoffen, dass es nie zu einer zweiten Entnahmephase kommt.

Genau deshalb kann Sozial Walking wichtig sein.

Nicht als Protestveranstaltung.
Nicht als „Wolfstourismus“.
Nicht als Eskalation.

Sondern als ruhige Form kontinuierlicher Aufmerksamkeit.

Mit Sozial Walking auf Grundlage der Kahu-Haltung möchten wir Wanderer und Naturinteressierte dafür sensibilisieren, dass menschliche Präsenz Wirkung haben kann.

Langfristig.
Ruhig.
Achtsam.

Vielleicht beginnt genau dort moderne Koexistenz:
Nicht im Ausnahmezustand einer Entnahmephase,
sondern in der täglichen Beziehung zwischen Mensch, Landschaft und Wildtier.

Sozial Walking, Kahu und die Frage, ob wir wirklich auf die nächste Entnahmephase warten müssen

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